Vorbeugen ist billiger als Bohren
Die Zahnmedizin ist heute nicht mehr dasselbe wie noch vor 10 oder gar 20 Jahren. Der sichtbare Wandel, der statt gefunden hat betrifft natürlich die technologischen Möglichkeiten der zahnmedizinischen Behandlung, doch noch entscheidender als dies ist vor allem der innere Wandel in der Sichtweise des zahnärztlichen Auftrages. Dr. med. dent. Matthias Gebauer, Zahnarzt, Zahntechniker, ärztlicher Leiter der Zahnklinik Mühldorf am Inn und zahnärztlicher Obmann im Landkreis Mühldorf am Inn spricht in diesem Zusammenhang gar von einem „Paradigmenwechsel“ in der Zahnmedizin. Grund genug für ein grundsätzliches Gespräch.
Herr Dr. Gebauer, in der Zahnmedizin ist es sicher wie in allen anderen technologieintensiven Branchen. Der Fortschritt erlaubt es modern ausgestatteten Praxen und Kliniken heute, Zähne erfolgreich zu behandeln, die früher als unwiederbringlich verloren gegolten hätten. Dies ist es aber wohl nicht, was Sie als den größten Fortschritt in der zahnmedizinischen Praxis bezeichnen würden – was ist mit dem „Paradigmenwechsel“ gemeint?
Dr. Matthias Gebauer: Die Patienten, vor allem die jüngeren Patienten, zeigen heute eine deutlich erkennbar verbesserte Zahngesundheit als früher. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach vor allem darin, dass das Thema Vorbeugung – also die Prophylaxe – nicht mehr auf den Patienten abgewälzt wird.
Was meinen Sie mit „Abwälzen der Vorbeugung auf den Patienten“?
Dr. Matthias Gebauer: Früher war Prophylaxe das, was man im Werbefernsehen, bei der Zahnpastawerbung vermittelt bekam. Uns allen ist noch das Bild vor Augen, wo ein blondes Mädchen freudestrahlend aus dem Behandlungszimmer des Zahnarztes in die Arme seiner ebenso blonden jungen Mutter lief – „Mami, Mami, er hat gar nicht gebohrt!“. Die Aussage dieser Werbung war, dass gutes Zähneputzen Karies vorbeugt. Wenn es in der Praxis dann aber nicht so gut lief, und doch gebohrt werden musste, so ließ man den Patienten mit dem Hinweis nach Hause gehen, dass er halt besser putzen müsse. Vorbeugung war Sache des Patienten. Besser putzen – aber wie? Schließlich kam der Wandel im Denken. Man begann mit ersten Schulungsversuchen, indem man dem Patienten die richtige Zahnpflege nahezubringen versuchte. Auch das war nur eine halbe Lösung auf dem Weg zur optimalen Situation. Heute ist die Prophylaxe eine „buchbare“ Leistung, der Zahnarzt organisiert die Prophylaxe und führt sie auch durch – wie einen Kundendienst.
Also vollzog sich ein Wechsel dahin gehend, dass es nun ein aktives Prophylaxeangebot gibt, wo es früher maximal nur private Sorgfalt gab. Das klingt zunächst danach, dass es nun im Leistungsportfolio des Zahnarztes lediglich eine zusätzliche Dienstleistung gibt. Welche Konsequenzen hat die zahnärztliche Prophylaxe für die Struktur des zahnmedizinischen Betriebes? Wo liegt der Paradigmenwechsel?
Dr. Matthias Gebauer: Eine richtige Prophylaxe zu leisten hat für den Zahnarzt eine räumliche, eine technische und eine personelle Konsequenz. Es muss ein Behandlungszimmer für die Prophylaxe zur Verfügung stehen, dieses muss technisch ausgestattet sein und es muss Personal mit der erforderlichen fachlichen Zusatzqualifikation, also in der Regel eine Prophylaxeassistentin vorgehalten werden. Dies alleine ist für Zahnärzte, die sich räumlich nicht ausdehnen können schon einmal ein Problem. Natürlich verursacht diese nötige Infrastruktur für die Prophylaxe auch Kosten, und damit sind wir in einem sensiblen Bereich, denn hier zeigt sich nun die Notwendigkeit des Umdenkens und der neuen Definition des zahnärztlichen Leistungsverständnisses. Weg von der Schadensbehebung – hin zur Vermeidung von Schäden.
Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt Prophylaxeleistungen ja nur bei Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr. Es geht also darum, dass die Prophylaxe durch den Patienten selbst bezahlt werden muss. Denken die Krankenkassen da bereits um, oder ist das System erstarrt?
Dr. Matthias Gebauer: Das System bewegt sich erfreulicherweise. Wenn es sich in dieser Geschwindigkeit weiter bewegt, werden wir vielleicht in 20 oder 30 Jahren einen wirklichen Fortschritt erreicht haben (lacht) – nein, im Ernst. Es tut sich was, es werden Bonussysteme geschaffen, um für den Patienten Anreize zu schaffen, die Prophylaxe als Dienstleistung des Zahnarztes zu nutzen. Man weiß heute, dass vorbeugen nicht nur besser ist als bohren, vorbeugen ist auch billiger als bohren. Das Problem ist, dass der Wert der Prophylaxe gleichzeitig unschätzbar hoch aber leider auch unsichtbar ist.
Was bedeutet unsichtbarer Wert der Prophylaxe?
Dr. Matthias Gebauer: Betrachten wir einen Patienten gegen Ende seiner zahnmedizinischen Geschichte. Er hatte eventuell diverse Füllungen, Kronen, Brücken und Implantate, bevor er nun ein künstliche Gebiss bekommen hat. Nun rechnen wir ihm vor, dass ihn dies im Laufe seines Lebens insgesamt 30.000 Euro zum Beispiel durch Zuzahlungen gekostet hat. Wenn wir ihm dann die Frage stellen, ob es ihm nicht lieber gewesen wäre, wäre ihm all dies erspart geblieben – dann würde jeder wohl sagen, er hätte auf diesen Betrag sogar noch etwas drauf gelegt, hätte er nur zeitlebens gesunde Zähne gänzlich ohne schmerzhafte Eingriffe gehabt. Doch der vermiedene Schaden hat keinen sichtbaren Wert.
Ich verstehe… der Wert der Prophylaxe ist unschätzbar hoch, rückblickend würde der Patient wohl sogar viel Geld bezahlen, könnte er nur sein gesundes Gebiss zurück bekommen. Aber solange die Zähne gesund sind, scheut er die Ausgaben, um diesen Zustand zu erhalten?
Dr. Matthias Gebauer: Auch hier findet erfreulicherweise ein Wandel statt. Dennoch erfordert es einen gewissen Wandel auch im Kassensystem, damit die Prophylaxe auch entsprechend ihrer Bedeutung für die Gesundheit finanziert werden kann. Wir bieten die Prophylaxe ohnehin zu einem subventionierten Preis an, so dass es keinen wirklichen Grund mehr gibt, darauf zu verzichten. Immer mehr Menschen spüren den Sinn einer guten Prophylaxe, denn sie rettet Zähne. Gerade seitdem junge Eltern die Prophylaxe nutzen, ist auch die Zahngesundheit bei den Kindern gestiegen. Es ist ein Bewusstseinswandel im Gang.
Die Stiftung Warentest gibt als Referenztarif für eine professionelle Prophylaxe mindestens 100-120 Euro an – kann man für 20 oder 40 Euro diese Leistung seriös erbringen? Woran erkennt man eine gute Prophylaxesitzung?
Dr. Matthias Gebauer: An der Dauer, der Intensität und der Professionalität der Behandlung. Eine Prophylaxesitzung dauert in der Regel eine Stunde oder etwas länger und beinhaltet diverse Arbeitsschritte – nicht nur ein Pulverstrahlgerät zum Entfernen von Belägen.
Seitdem sich gewisse Werbeverbote gelockert haben, ist es Zahnärzten gestattet im Rahmen gewisser Bedingungen auch werblich in die Öffentlichkeit zu gehen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind seit 1998 Obmann der Zahnärzte des Landkreises Mühldorf am Inn – wie gehen die Zahnärzte mit dem kommerzialisierten Wettbewerb um?
Dr. Matthias Gebauer: Sehr pragmatisch und positiv. Offene Kommunikation und Wettbewerb kommen langfristig dem Patienten zu Gute, da dies auf die Praxen und Kliniken einen gewissen Entwicklungsdruck ausübt. Leistungen werden transparenter, weil sie besser kommuniziert werden. Die Patienten haben es heute leichter, ein medizinisch hochwertiges Angebot zu erkennen und die Nachfrage und das Bewusstsein für höchste Qualität bei der medizinischen Versorgung steigen stetig.