Ein totales Wrack, ein paar Scherben und eine dicke Bremsspur – mehr ist von dem schweren Verkehrsunfall nicht geblieben. Binnen eines Bruchteils einer Sekunde war es geschehen, ein kleinster Moment Unachtsamkeit. Aber was ist eigentlich passiert? Achselzucken bei den Beteiligten, alles ging so schnell. Eine Aufgabe für Johann Geißinger. Er arbeitet für die DEKRA Passau, er ist Unfall- und Technikanalytiker mit Ausbildung in Biomechanik und Vollprofi auf dem Gebiet Fahrzeugsicherheit.
Der Kfz-Mechaniker hat nach der Meisterschule ein Studium zum Diplom Ingenieur an der FH München absolviert und wurde dann – damals noch von der Regierung von Niederbayern – zum Sachverständigen für Straßenverkehrsunfälle öffentlich bestellt und vereidigt. Im Februar hat er nun sein postgraduales Studium zum Master of Engineering am Institut für Fahrzeugsicherheit an der TU Graz abgeschlossen. Das viersemestrige Aufbaustudium beinhaltet Fahrzeugsicherheit, Biomechanik und Unfallanalytik. Johann Geißinger ist somit auf höchstem Niveau als Unfallanalytiker ausgebildet. Deutschlandweit haben nur wenige Ingenieure diese hohe Qualifikation. Dementsprechend groß ist sein Wissensfundus und natürlich auch sein Erfahrungsschatz. Denn immer wenn es kompliziert wird, wird Johann Geißinger zu Hilfe gerufen. Für PAparazzi nahm sich der gefragte Mann dennoch Zeit für ein spannendes Interview.
Sie erstellen selbst ein Jahr nach dem Unfall anhand von Fotos und anderen Informationen genaue Analysen, mit denen die Richter dann ihr Urteil fällen. Sogar aus einem Scherbenhaufen können Sie feststellen, ob der Fahrer das Licht an hatte. Wie ist das möglich?
Johann Geissinger: Eine Analyse ist anhand des Leuchtmittels möglich. Die Wendel in der Glühlampe wird sehr heiss und ist dadurch plastisch verformbar, wenn das Licht eingeschaltet ist. Kommt es zu einem Aufprall, verformt sich die Wendel und wird nie wieder in ihre ursprüngliche Position zurückkehren. Im kalten Zustand bleibt sie unverändert oder zerbricht komplett.
Was aber, wenn der Scheinwerfer bei dem Unfall total zerbricht und nur noch Scherben übrig sind?
Johann Geißinger: Sofern ein kleines Stück der Wendel sichergestellt werden kann, wird es unter dem Mikroskop begutachtet. Die Glühlampe ist mit Gas gefüllt, das die Wendel haltbarer macht. Beim Zerbrechen des Glaskolbens reagiert der Luftsauerstoff mit der heissen Wendel, diese verfärbt sich blau. Ist die Wendel kalt, kommt es zu keiner Verfärbung. Eine verformte oder blaue Wendel ist also immer ein sicheres Zeichen dafür, dass das Licht an war.
Neben der Frage nach dem Licht ist der Kollisionsort bei den Ermittlungen von großer Bedeutung. Wie können Sie nachvollziehen, wo es zur Kollision kam, obwohl die Fahrzeuge vielleicht meterweit geschleudert wurden?
Johann Geißinger: Dafür gibt es mehrere Indizien. Praktisch ist es, wenn sich eine Bremsspur auf dem Asphalt abzeichnet. Diese macht am Kollisionsort durch die äussere Kraft einwirkung einen Knick, welcher den Kollisionsort markiert. Ein Knick ist nur möglich, wenn fremde Kräft e auf das Fahrzeug einwirken.
Die wichtigste Rolle spielt immer die Geschwindigkeit. Diese können sie wohl auch anhand der Bremsspuren errechnen, weil diese Auskunft über den Bremsweg geben. Richtig?
Johann Geißinger: Richtig. Ich kann die Geschwindigkeit aber leider nicht auf eine Kommastelle genau ermitt eln. Aber ich kann sie nach umfangreichen Untersuchungen schon sehr genau eingrenzen, fallweise auf einen Spielraum von +/- 5 km/h festlegen. Neben Bremsspuren geben auch die Tiefe der Deformation und die Wurfweiten von unfallbeteiligten Fussgängern Aufschluss über die Geschwindigkeit.
Bei Unfällen gibt es oft Verletzungen. Damit wird gerade bei Bagatellschäden gerne Schindluder getrieben. Der Geschädigte geht zum Arzt, klagt über Übelkeit und Kopfschmerzen, die sehr schwer nachzuweisen sind, und ihm wird ein Schleudertrauma att estiert. Das bringt 1000 Euro Schmerzensgeld. Können Sie mit Ihrer Ausbildung zum Biomechaniker auch analysieren, ob es aufgrund des Unfallhergangs tatsächlich zu bestimmten Verletzungen kommen konnte?
Johann Geißinger: Ich will keinesfalls die Rolle des Arztes übernehmen oder den Geschädigten gar unterstellen, dass sie simulieren würden. Aber in Zusammenarbeit mit Medizinern kann man durchaus feststellen, ob es durch den Aufprall tatsächlich zu bestimmten Verletzungen kommen konnte. Dafür forschen wir natürlich sehr viel
Geforscht wird unter anderem mit Leichen, die Sie lapidar ausgedrückt als Dummies in Autos setzen und sehen, was bei einem Aufprall passiert. Eine umstritt ene Methode.
Johann Geißinger: Ethisch betrachtet ist das fragwürdig, daran besteht kein Zweifel. Aber es wird niemand als Versuchsobjekt verwendet, der das vor seinem Tod nicht ausdrücklich gestatt et hat. Ausserdem helfen die Körper der Verstorbenen nicht nur herauszufi nden, welche Verletzungen man bei welcher Art des Aufpralls und bei welcher Geschwindigkeit davon tragen kann. Dank der Forschung konnten auch die Wirksamkeit der passiven Sicherheitssysteme wie beispielsweise der Airbags und dergleichen immer wieder verbessert werden. Nicht umsonst sinkt die Rate der Schwerverletzten und Toten bei gleichbleibender Unfallanzahl.
Sie sind regelmäßig auf Fortbildung z. B. im Crash-Zentrum Neumünster. Dort werden Fahrzeuge mit Dummies als Insassen gecrasht und anschließend genau untersucht. Welches Ziel verfolgen Sie damit?
Johann Geißinger: Wir können so Vergleiche ziehen, weil uns genaue Daten vorliegen. Wir wissen beispielsweise, dass das Auto mit 100 km/h unterwegs war, als es von dem Lkw, der mit 80 Studenkilometern entgegenkam, an der rechten Front erfasst wurde. Wir sehen uns die Bewegungen des Dummies mit und ohne Gurt an, können Rückschlüsse ziehen, welche Verletzungen sich ein Mensch bei einem ähnlichen Crash zuziehen kann. Ausserdem untersuchen wir die Fahrzeuge. Was ist deformiert und wie tief. Wenn ich nach einem realen Verkehrsunfall das Schadenbild kenne, kann ich damit Vergleiche aufstellen und Schlüsse daraus ziehen
Aber oft gibt es verschiedene Möglichkeiten, die zu einem Ergebnis führen können. Haben Sie eine Art Ausschlussprinzip?
Johann Geißinger: Gute Aus- und Weiterbildung, Erfahrung und ein sehr ausgeklügeltes Crash-PC-Programm sorgen dafür, dass man rekonstruieren kann, wie ein Unfall zustande kam. Bei streitigen Unfallabläufen werden bei der Analyse die unterschiedlichen Darstellungsweisen der Beteiligten rekonstruiert. Im Optimalfall kann dann eine Version ausgeschlossen werden, manchmal können beide Versionen technisch möglich gewesen sein
Verlassen Sie sich dann auf ihr Gefühl?
Johann Geissinger: Nein, niemals. Emotionen und Bauchgefühl dürfen bei unserer Arbeit keine Rolle Spielen. Ich will nichts glauben, ich will es durch technische Fakten belegen.
Neben der Unfallanalyse führen Sie auch technische Analysen durch. Was versteht man darunter? Johann Geißinger: Eine technische Analyse geben die Kunden meist in Auft rag, wenn es um Sachmangelhaft ung geht. Ein konkretes Beispiel: Wenn Sie sich ein Fahrzeug – egal ob neu oder gebraucht – kaufen, haben Sie laut Gesetzt ein Recht darauf, dass es bei der Übergabe frei von Sachmängeln ist oder Sie über Mängel aufgeklärt werden. Haben Sie nach 50 Kilometern einen Getriebeschaden, ermitt eln wir, ob dieser aus einer unvorhersehbaren Ursache entstanden ist, oder ob es sich um einen Entwicklungsschaden handelt, der bei Übergabe bereits angelegt war. Daraus kann über die Haftung entschieden werden.







