Ein bisschen verwirrt, vergesslich, einfach ein wenig durcheinander, nichts weiter – oder eben doch? Wenn Senioren vergesslich werden, ist das oft ein Anzeichen für Demenz. Dann gilt es, keine Zeit zu verlieren. Denn je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto besser kann man sie behandeln und den Verlauf eindämmen. Doch oft geht wertvolle Zeit verloren, auch weil Demenz immer noch ein Tabuthema ist. PAparazzi hat sich mit Ulrich Becker- Wirkert über Entstehung und Verlauf der Krankheit unterhalten. Er ist Leiter des Azurit Seniorenheims Abundus in Fürstenzell, das eine eigene Station für Menschen mit Demenz hat, und hat es sich zum Ziel gemacht, endlich aufzuklären. Denn auch wenn Demenz nicht heilbar ist, Hilfe gibt es doch.
Fakten zur Demenz
Das Wort Demenz stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Unvernunft. Deutschlandweit leiden 1,2 Millionen Menschen an Demenz. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter. Zwischen 65 und 69 Jahren ist jeder 20. Betroffen, zwischen 80 und 90 schon jeder Dritte, ab 90 sogar jeder Zweite. Frauen erkranken häufiger an Demenz, weil sie eine höhere Lebenserwartung haben. Die bekannteste Form der Demenz ist Alzheimer.
Entstehung von Demenz
Die Entstehung der Demenz ist bis heute nicht komplett erforscht. Es tragen wohl mehrere Faktoren dazu bei, daran zu erkranken. Eine Ursache ist nach aktuellem Kenntnisstand wohl ein Überschuss an Glutamat. Zwar ist dies nicht bewiesen, doch es kann nicht ausgeschlossen werden, dass durch einen Überschuss an Glutamat Nervenzellen zerstört werden. Glutamat ist ein Botenstoff, der die Gehirntätigkeit anregt. Schüttet der Körper zu viel Glutamat aus oder wird ihm von aussen zu viel zugeführt, kann es im Gehirn zu einer Überreizung kommen. Die Nervenzellen sind der Dauererregung nicht mehr gewachsen und gehen zugrunde. Glutamat ist in vielen Lebensmitteln enthalten. Zu erkennen ist es durch den Packungsaufdruck Mononatriumglutamat. Auch bei Hefeextrakt ist Skepsis gefragt – es enthält zwar Glutamat nicht in isolierter Form, löst aber im Gehirn die selben Reaktionen aus.
Symptome der Demenz
Wer häufig mit alltäglichen Dingen überfordert ist, gedrückte Stimmung hat, ständig müde ist, Versagensängste hat und soziale Kontakte vernachlässigt, sollte sich dringend untersuchen lassen. Häufig werden diese Anzeichen als normale Alterserscheinungen abgetan. Oft schämen sich die Betroffenen auch zuzugeben, dass etwas nicht stimmt. Es ist ihnen peinlich, dass sie ständig etwas vergessen und die einfachsten Dinge nicht mehr erledigen können. Doch es ist wichtig, sofort einen Arzt aufzusuchen und nicht abzuwarten. Denn je früher Demenz erkannt wird, desto besser kann man sie behandeln und sein Verhalten auf den Betroffenen abstimmen. Schon mit einfachsten Mitteln kann der Fortschritt der Krankheit extrem verlangsamt werden. Oft leben die Betroffenen noch über ein Jahr ohne merkliche Veränderungen.
Diagnose und Verwechslung mit anderen Krankheiten
Eine hundertprozentige Diagnose kann nur nach dem Tod gestellt werden, dazu muss dem Gehirn Gewebe entnommen werden. Allerdings gibt es heute viele Methoden, die eine Sicherheit von über 90 Prozent gewährleisten. Die Diagnose ist schwierig zu stellen und erfolgt nach dem Ausschlussprinzip. Bei Kreislauf- oder Schilddrüsenproblemen beispielsweisen treten die selben Symptome auf. Auch eine Depression ist bei älteren Menschen nicht selten. Deshalb sollte man sich nicht auf die allgemeinen Tests einlassen, die Hausärzte gewöhnlich durchführen, sondern ein grosses Blutbild fordern. Optimal wäre eine Computer- oder Kernspintomographie.
Verlauf der Demenz
Der Verlauf der Demenz kann als schleichendes Vergessen bezeichnet werden. Erst erlischt das Kurzzeitgedächtnis. Der Schlüssel ist unauffindbar, dann vergisst man das Knödelrezept, das man immer auswendig kannte. Nach und nach kommt auch das Langzeitgedächtnis abhanden. Das erfolgt meist stufenweise. Die Betroffenen vergessen das, was am kürzesten zurückliegt, als erstes. Irgendwann können sie sich nur noch an ihre Jugend erinnern. Sie leben dann auch in dieser Zeit, verstehen nicht, wie ein 80-Jähriger ihr Mann sein kann, wo sie doch erst 20 sind. Die eigenen Kinder erkennen sie oft nicht mehr. Sie erinnern sich nicht daran, dass ihre Eltern bereits tot sind. Im weiteren Verlauf können Angstzustände, Verfolgungswahn und Wahnvorstellungen dazu kommen. Schon der Fernseher kann bei Betroffenen Panik auslösen, weil sie Realität und TV nicht unterscheiden können. Sie glauben, dass fremde Leute in ihrem Wohnzimmer sind und bekommen Angst. Auch das Verhalten der Betroffenen ändert sich. Nach der Diagnose kommt es häufig zu Depressionen. Die Menschen mit Demenz wissen anfangs noch genau, dass sie etwas vergessen haben, sie kennen auch den Verlauf der Krankheit und haben Angst die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu verlieren. Starke Depression und Suizidgedanken sind oft die Folge. Später folgt gnadenlose Ehrlichkeit. Menschen, die es vorher allen recht machen wollten und sehr höfliche Umgangsformen pflegten, hauen plötzlich auf den Tisch, sagen der Nachbarin ins Gesicht, dass sie hässliche Vorhänge hat oder dass sie immer dicker wird. Nächstes Stadium ist der Verfall des Sprachvermögens. Erst sprechen Menschen mit Demenz in kürzeren Sätzen, dann in Worten und bevor sie ganz verstummen, geben sie nur noch Laute von sich.
Behandlung von Demenzkranken
Die Behandlung von Demenzkranken gliedert sich in zwei Säulen, die Medikamente und die Betreuung. Meist werden Tabletten verabreicht, die die Gehirndurchblutung fördern und verhindern, dass Glutamat die Gehirnzellen zerstört. Die Betreuer sollen ihr Verhalten dem Verlauf der Krankheit anpassen.
Mit einigen Tipps lässt sich das Wohlbefinden der dementen Person erheblich steigern:
Keine Erklärungen über komplizierte Sachverhalte: Der Betroffene kann dem nicht folgen und wird es in Kürze sowieso wieder vergessen. Nur erklären, wenn der Kranke nachfragt. Leidet er beispielsweise unter Wahnvorstellungen, sollte man ihm nicht ausreden, dass ein Löwe unter dem Bett liegt. Er fühlt sich dann nicht ernst genommen. Besser ist es, den Löwen zu verjagen.
- Keine Bestrafung: Angehörige dürfen mit den Kranken nicht schimpfen. Dieser versteht nicht, warum er bestraft wird, zieht sich entweder zurück oder wird aggressiv. Viel besser ist es zu loben.
- Zuhören: Die gnadenlose Ehrlichkeit nicht als Beleidigung, sondern als Chance sehen. Oft erwähnen die Menschen mit Demenz etwas, was den Betreuern Zugang zu ihnen schafft.
- Gerüche schaffen: Der Duft nach Heu beispielsweise löst bei den Dementen angenehme Erinnerungen an das losgelöste Tollen auf dem Heuboden in ihrer Kindheit aus. Aber Vorsicht: Hat sich der Betroffene mit Kaffee überbrüht, kann ihn Kaffeeduft aggressiv machen.
- Emotionale Zuwendung: Das Streicheln der Hand, ein kurzer Drücker, ein freundliches Wort und ein angenehmer Tonfall tun jedem Menschen gut.
- Bewegung: Um fit zu bleiben, ist Bewegung unabdingbar. Anfangs ist vielleicht noch ein kleiner Spaziergang möglich. Ist die Demenz bereits weiter fortgeschritten, sollte es aber immer noch Gymnastik geben.
- Für Sicherheit sorgen: Rutschige Teppiche entfernen, die Dusche mit Gummimatten auslegen nimmt den Betroffenen Angst vorm Stürzen.
- Straffer Tagesablauf: Demente Personen leben oft in einer Welt voller Verwirrung und Unsicherheit. Ein straffer Tagesplan und wiederkehrende Rituale wie ein Badetag geben ihnen Sicherheit
- Konzept: In vielen Seniorenheimen wird das Konzept von Tom Kitwood angewandt. Dieses lässt sich auch zu Hause umsetzen. Tom Kitwood war der Erste, der ein Beobachtungsverfahren für Menschen mit Demenz entwickelt hat. Bislang hatten Forscher und Mediziner lediglich die Krankheit an sich betrachtet und versucht, diese medikamentös zu behandeln. Dem subjektiven Erleben der Demenz hatte bisher niemand Beachtung geschenkt. Tom Kitwood aber ging der Frage nach, was Menschen mit Demenz wirklich brauchen, und hat daraus einen personenzentrierten Ansatz entwickelt. Es gibt fünf wesentliche Aspekte, die man bei Menschen mit Demenz beachten soll:
- Trost: Gerade in der Anfangsphase der Erkrankung brauchen sie Trost. Sie merken, dass sie langsam die Kontrolle verlieren. Trost bedeutet Beistand und Nähe. Die Betroffenen beruhigt das Wissen, nicht allein zu sein.
- Bindung und Beziehung: Wenn die Verwirrtheit zunimmt, steigt das Bedürfnis nach Halt und Sicherheit. Eine Bezugsperson ist unabdingbar.
- Beschäftigung: Beschäftigt zu sein, heisst nützlich und nicht wertlos zu sein. Am besten knüpft man die Beschäftigung an die Biografie an. Hat die Person gerne gekockt, kann man ihr die Kartoffeln schälen lassen.
- Identität: Die eigene Lebensgeschichte gibt den Menschen Identität. Die Betreuer müssen die Biographie des Betroffenen kennen, damit er sich mit seinem „Ich“ angenommen fühlt.
- Einbeziehung: Kein Mensch kann in Einsamkeit überleben, er braucht die Gruppe. Sie gibt ihm Stabilität und Sicherheit. Man sollte den Betroffenen möglichst wenig alleine lassen und so gut wie möglich ins Geschehen miteinbeziehen.
Gerade der letzte Punkt ist aber für viele Pflegekräfte – zumeist Familienangehörige gar nicht möglich. Unterstützen können dabei aber auch beispielsweise polnische Pflegekräfte und Haushaltshilfen in der 24h Pflege.







