Fernbeziehung

Jede siebte Beziehung in Deutschland ist eine Fernbeziehung. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Dank Internet haben wir ungeahnte Möglichkeiten, Menschen aus aller Welt kennen und lieben zu lernen. Immerhin ein Zwölftel aller Liebespaare auf Distanz hat sich freiwillig für diese Beziehungsart entschieden. Der weitaus größere Teil allerdings wird quasi dazu gezwungen. Die Berufswelt hat in den vergangenen Jahren für einen Wandel des bis dahin gängigen Beziehungsmodells gesorgt. Flexibilität und Mobilität verlangen nicht nur uns, sondern auch unseren Partnern einiges ab. Geregelte Dienstzeiten? Heimatnahe Arbeit? Das war gestern. Wer heute auf dem globalen Arbeitsmarkt eine reelle Chance haben will, muss rund um die Uhr und nahezu rund um den Globus einsatzbereit sein.

Lebensdiktat Beruf

Besonders hoch ist der Anteil von Fernbeziehungen bei Akademikern, 25 Prozent aller Hochschulabsolventen führen zumindest für einige Jahre eine Liebe auf Distanz. Die Ausbildungsmodalitäten zwingen sie meist, die Heimat gleich nach dem Schulabschluss zu verlassen. Auslandssemester oder Praktika in internationalen Firmen gehören in vielen Berufen zu den absoluten Musts. Und das ist auch gut so: Schliesslich sollen und wollen die jungen Leute die Welt kennenlernen, bevor sie Wurzeln schlagen. Und was spricht dagegen sich auch beziehungstechnisch auszutoben?

Doch in den meisten Fällen sind die Auslandsaufenthalte und das Städtehopping die Vorbereitung auf ein Leben als Jobnomade. Selbst wenn man seine grosse Liebe längst gefunden hat und langsam bereit wäre, sich niederzulassen, lockt einem wieder ein Jobangebot in die Ferne.

Sogar Handwerker oder Dienstleister müssen heute oft ihre Heimat verlassen, um ihr täglich Brot zu verdienen. Im besten Fall findet man eine Anstellung bei einer hiesigen Firma und ist nur zeitweise auf Montage quer durch Deutschland unterwegs. Durch die immer noch anhaltende Abwanderung aus den ländlichen Gebieten können sich aber viele mittelständische Unternehmen nicht mehr halten – ihnen fehlt es sowohl an Kunden als auch an qualifiziertem Personal. Und so setzt sich der Teufelskreis fort. Kein Unternehmen, keine Arbeitsstellen, mehr Abwanderung.

Wer nicht mitzieht, riskiert auf kurz oder lang den Abstieg – im schlimmsten Fall den Abstieg bis hin zum sozialen und finanziellen Ruin.

Erwartungen aussprechen Aber keine Angst, denn wie sagt man so schön: Nichts wird so heiss gegessen wie gekocht. Und so ist auch ein Job in der Ferne kein Grund, seine grosse Liebe aufzugeben. Oft liegt das Problem nicht darin, dass es keine Lösung gibt, sondern dass man die Lösung nur nicht finden kann oder auch nicht finden will. Eine Fernbeziehung ist nicht nur eine finanzielle und logistische, sondern vorallem eine kommunikative Herausforderung, die es zu meistern gilt.

Am Anfang einer Beziehung reicht die Verliebtheit aus, um alle Hindernisse zu überwinden oder sie auszublenden. Viele Paare machen den Fehler, diese Zeit mit der rosaroten Sonnenbrille zu überfliegen. Sinnvoller ist es, die wohl unbeschwertesten Monate eines gemeinsamen Lebens zu nutzen, um Stabilität aufzubauen.

Kennen Sie es, in einem neuen Job anfangs nie nein sagen zu können? Erst wenn Sie vor lauter „Kannst du mal eben“-Erledigungen keine Zeit mehr haben, Ihre eigenen Aufgaben zu erfüllen, ziehen Sie die Bremse. Dann ist es aber meist schon zu spät. Am besten offenbart man schon im Vorstellungsgespräch seine Erwartungen – so erspart man sich selbst und vielleicht auch dem Chef eine Enttäuschung.

Eine Beziehung läuft nicht anders. Vielleicht sollte man nicht gerade beim ersten Date übers Kinderkriegen sprechen, aber wer sich ein gemeinsames Eigenheim und Familie wünscht, sollte das nicht leugnen. Genau so sollte man auch zugeben, wenn man sein All-Around-The- World-Ticket niemals gegen ein trautes Zuhause tauschen möchte. Es ist nicht unromantisch sondern nur fair, wenn der Partner weiss, woran er ist. Denn wenn die Erwartungen hier schon meilenweit auseinanderklaffen, sollten Sie vielleicht darüber nachdenken, ob Sie wirklich miteinander glücklich werden können.

In die Beziehung investieren Sind Sie beide Weltenbummler, die bis ins hohe Alter quer durch alle Kontinente tingeln wollen und eine Beziehung nur als Fels in der Brandung brauchen, dann wäre ja alles geklärt. Schwieriger wird es schon, wenn Sie sich langfristig ein gemeinsames Zuhause wünschen. Erste Hürde: Zu dir oder zu mir? Wer sich entscheidet zu seinem Partner zu ziehen, gibt nicht nur sein gesamtes altes Leben auf, sondern schraubt oft gleichzeitig die Erwartungen an den Partner hoch. Während vorher Freunde, Familie, Vereinskollegen und die vertraute Umgebung für Lebensfreude sorgten, soll nun der Partner allein für das Glück verantwortlich sein. Das kann nur schief gehen. Wenn jemand verlangt, dass der Partner alles Aufgegebene kompensieren soll und wenn sich der Partner in einer Bringschuld sieht, die er unmöglich erfüllen kann, wird die Beziehung nicht von Dauer sein. Umgekehrt wird es aber auch nicht funktionieren, wenn einer alles aufgibt und der andere sein Leben weiterlebt wie bisher.

Natürlich muss auch der, der sein Zuhause behalten durfte, Kompromisse eingehen und Gewohnheiten – wie beispielsweise die tägliche Joggingrunde mit den Kumpels mit anschliessendem Feierabendbier – ablegen. Die Kunst liegt darin, Freiräume für die Beziehung zu schaffen ohne sein Leben komplett umzukrempeln. Aber auch der, der neu in der Stadt ist, darf sich nicht nur auf seinen Partner fixieren. Tun Sie das, was Sie auch zu Hause gerne gemacht haben. Suchen Sie sich ein neues Fitness-Studio, treten Sie dem Volleyall-Verein bei, schliessen Sie Freundschaften. Wenn beide Ihre Erwartungen realistisch halten und gleichermassen in die Beziehung investieren, wird einer gemeinsamen Zukunft nichts im Wege stehen.

Entgegen aller Vermutungen sind Fernbeziehungen nämlich nicht zum Scheitern verurteilt. Sie halten mit durchschnittlich drei bis vier Jahren genau so lange, wie klassische Partnerschaften. Danach kommt die Trennung oder eben die Entscheidung für ein gemeinsames Zuhause – genau wie bei den „Normalos“. Also Kopf hoch!

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