Jedes Jahr tauchen sie wieder auf, die so genannten „Guten Vorsätze“. Doch was sind überhaupt gute Vorsätze, und warum kommen sie immer wieder zum Jahresanfang bzw. zum Jahreswechsel auf den Tisch? Könnte man nicht einfach sagen „alles soll so bleiben!“?
Der Jahreswechsel ist rein kalendarisch eine Zäsur. Man schließt ein altes Kapitel ab und beginnt ein Neues. Unser ganzes Leben ist darauf ausgelegt, nach dem 31. Dezember jedes Jahr immer wieder plötzlich einen Strich zu ziehen: Die Steuern, die Versicherungen, und alle möglichen Verwaltungsakte zeigen uns ganz deutlich eines: ab jetzt fängt wieder ein neues Spiel an. Grund genug, in einem Rückblick das vergangene Match zu analysieren, Revue passieren zu lassen. Was war gut, was war schlecht? Und gerade das Schlechte wollen wir nicht wieder genau so schlecht machen. Wir nehmen uns vor, im anstehenden Kampf über die nächsten 12 Runden Einiges besser zu machen und fassen forsche Entschlüsse. Viel Zeit bleibt nicht, denn spätestens am übernächsten Morgen sucht uns der Alltag wieder heim und mit ihm der Trott, der uns schon letztes Jahr die Suppe versalzen hat: Lieb gewonnene Gewohnheiten sind der schlimmste Feind für neue Vorsätze.
Auf der Wunschliste ganz oben bei den guten Vorsätzen, stehen die Dinge, die einem an sich selbst nicht so gut gefallen. Rauchen aufhören und abnehmen, sich weniger ärgern, mehr Zeit für dies und das einplanen, etc.. Das alles sind eigentlich Kleinigkeiten. Warum fällt es uns nur so schwer, das umzusetzen? Die Antwort ist einfach, geradezu erschütt ernd einfach und für manchen vielleicht schon jetzt frustrierend: Weil es an der richtigen Motivation fehlt. Da es keine falsche Motivation gibt, kann man es auch einfacher ausdrücken: es fehlt an der Motivation. Doch Moment! Gibt es wirklich keine falsche Motivation? Nein, denn Motivation ist wertfrei, sie ist existent oder eben nicht. Motivation wird nur eben sehr oft mit „Motivierung“ verwechselt. Motivierung kommt von aussen, sie stülpt uns etwas über, das zwar verlockend ist und einen gewissen Reiz hat, aber nicht wirklich das ist, was wir tatsächlich wollen. Es ist ein vorübergehendes Bildnis eines hübschen Zustandes, der aber nicht wirklich unserem Selbstbild entspricht. Motivierung zu Motivation zu machen, das ist die große Kunst auf dem Weg zu den einzelnen, individuellen Zielen.
„Aber ich will doch abnehmen!“, werden Einige jetzt vielleicht sagen, „Aber ich will doch aufhören zu rauchen!“, „Aber ich will doch dies und das!“ – sagen Sie! Tatsächlich wollen Sie das aber nicht. Nicht wirklich. Wollen Sie wirklich wissen, was Sie tatsächlich wollen? Es wird nicht leicht werden, dies zu schlucken.
Motivation und Konflikt
Wer wirklich schlank sein will, war noch niemals dick. Wer Nichtraucher sein will, hat noch nie geraucht. Wem seine Freunde wichtig sind, hat Zeit. Wer seinen Partner liebt, macht Kompromisse. Punkt. So einfach ist es, und es wird auch nicht anders werden, egal wie lange man sich trotzig einredet „Doch ich will, aber ich bin trotzdem…!“ Das Problem ist der Konflikt. Der ewige Konflikt zwischen Motivierung und Motivation, zwischen sollen und wollen.
Der ungewollt Übergewichtige Mensch hat vielleicht ein Bild vor Augen. Ein Bild eines schlanken, sportlichen Selbst, das fit und attraktiv ist. Und er nimmt sich jedes Jahr vor, nun endlich an diesem Bild zu arbeiten, doch er wird es nicht schaffen, dies zu verwirklichen, solange er sich nicht darüber
bewusst ist, was er tatsächlich will. Übergewicht ist die Folge von nachhaltigem Kalorienüberschuss, meist von Nahrungsmitteln, die entweder süß oder fettig oder beides sind, auf jeden Fall aber immer lecker und immer ein klein wenig zuviel. Und bei jedem einzelnen Bissen hat sich Ihre wahre Motivation gezeigt! Ein Mensch, der nicht essen will, isst nicht. Ein Mensch der sich bewegen will, bewegt sich. Ein Mensch der sitzen will, setzt sich. Und ein Mensch der genießen will, der genießt. Übergewichtige Menschen, Raucher und Hedonisten jegliche Couleur sind Genießer. Und sie lieben den Genuss mehr als den Verzicht – allein das Wort „Verzicht“ sagt alles aus: Auf etwas verzichten bedeutet, es sich nicht zu gestatten, obwohl man es eigentlich möchte. Wie lange soll das gut gehen?
Das Gehirn ist der innere Schweinehund
Unser Gehirn kann mit Verzicht nicht umgehen. Deswegen kann man Verzicht auch nicht durchhalten. Verzicht ist immer eine vorenthaltene Belohnung, also de facto eine Bestrafung. Bestrafungen geht man über kurz oder lang aus dem Weg. Unser Gehirn hat ein „Belohnungszentrum“, das immer dann stimuliert wird, wenn durch ein eigenes Verhalten ein positives Erlebnis erreicht wurde. Ein positives Erlebnis ist Essen. Ein Genießer empfindet gutes Essen als etwas Befriedigendes, es stimuliert sein Belohnungszentrum. Verzicht bedeutet Belohnungsentzug und Belohnungsentzug führt im Gehirn zu einer teuflischen Reaktion. Die so genannten Glückshormone sind der eigentliche Antrieb unseres Verhaltens, und sie werden nur ausgeschüttet, wenn unser Belohnungszentrum
stimuliert wird. Keine Stimulation des Belohnungszentrums = keine Glückshormone. Keine Glückshormone = kein Glücksempfinden. Kein Glücksempfinden = kein glückliches Leben. Unglück bewirkt Leidensdruck. Leidensdruck bewirkt Ausbruch. Eine sehr einfach Gleichung, die uns sagt, dass Verzicht unglücklich macht und deswegen langfristig unmöglich durchzuhalten ist. Das Gehirn braucht Glückshormone, denn sie halten den gesamten Organismus gesund und leistungsfähig.
Die Motivationslücke
Bleiben wir bei den ungewollt Dicken und den „Eigentlich will ich aufhören“-Rauchern. Wer Dick ist, obwohl er schlank sein will und wer raucht, obwohl er aufhören will, der hat eine Motivationslücke. Er findet zwar eine Motivierung im Außen, nämlich das Wunschbild, das Endresultat, doch es gelingt ihm nicht, dieses motivierende Bild zu einer eigenen Motivation zu machen. Er „will wollen“ aber er will nicht wirklich tun – oder besser: er will nicht wirklich das bleiben lassen, was ihn zum Raucher oder zum Flummi gemacht hat: Genuss. Die Lösung ist nicht einfach, denn schließlich
haben wir beim Menschen mit einem triebgesteuerten Individuum zu tun. Wie jedes Lebewesen trachtet der Mensch danach, positive Erlebnisse zu suchen und Negatives zu vermeiden. Genusserlebnisse bewirken eine Ausschüttung von Glückshormonen, Verzicht bewirkt eine Verschlechterung des Glückszustandes. Um eine Veränderung des Verhaltens herbei zu führen, bedarf es einer Neuorganisation unseres Belohnungssystems. Wir müssen etwas finden, das unser Gehirnareal für Glückshormone gleichermaßen anregt, wie leckere Kalorien oder ein entspannender Zug an der geliebten Fluppe.
Glückliche Schlanke und Nichtraucher haben dieses Problem gar nicht, denn ihnen gibt es keinerlei Befriedigung, mehr zu essen, als nötig, oder zu rauchen. Deswegen kann man Ihren Ratschlägen nicht so einfach folgen: „Iss halt einfach nur noch eine Rippe Schokolade, so mache ich es!“ Liebe Bohnenstangen: Das funktioniert so nicht! Deren Belohnungszentrum wird durch eine ganze Tafel Schoki, eine Extraportion Spaghetti Carbonara oder eine Schachtel Kippen nicht stimuliert, deswegen empfinden sie auch keinerlei Verzichtsgefühle. Ihr Belohnungszentrum wird stimuliert, wenn sie sich fit und gesund fühlen, ihre eignen Leistungsfähigkeit wahrnehmen oder sich zufrieden im Spiegel betrachten.
Der neue Weg ist das alte Ziel
Durch Verzicht, ein Ziel zu erreichen ist möglich, aber wird selten nachhaltig Bestand haben. Die Rückfallquote ist enorm hoch bei allen, die sich den Weg zu Ihrer Nichtraucherei oder zur Wunschfigur durch Darben und Kasteiung erarbeitet haben. Irgendwann wird der Wunsch sich zu „belohnen“ übermächtig und das einmalige „Sündigen“ gleicht einem schleichenden Dammbruch. Tröpfchenweise kommt das alte Verhalten wieder durch, bis schließlich alles wieder ganz beim Alten ist.
Was könnte einen Genussmenschen stärker befriedigen als Genuss? Nur positive Erlebnisse stimulieren das Gehirn. Um Ihre Vorsätze umzusetzen brauchen sie eine positive Herangehensweise an ihre Ziele. Sagen Sie sich nicht „Ich will abnehmen“, oder „Ich will aufhören zu rauchen“ denn dies bedeutet Verzicht! Ersetzen Sie diese Vorsätze durch „Ich will bis Ende des Jahres 10 Kilometer in einer Stunde laufen können!“ Dies wäre ein Ziel, mit dem Sie Verzicht durch Belohnung ersetzen. Wenn Sie sich vornehmen, eine gewisse sportliche Leistung zu erreichen, dann ist jede Trainingseinheit mit einem Belohnungsgefühl verbunden und jede Verbesserung wirkt ungeheuer motivierend, das nächste Mal noch ein wenig besser zu sein. Schnell wird sich ihr Belohnungszentrum umstellen, denn nun wird es den Extrateller Schweinebraten oder die Schachtel Zigaretten am Wochenende nicht mehr als etwas Positives empfinden. Es wird feststellen, dass ihnen dieser Extrateller oder die Teerlunge das Erfolgserlebnis bei der nächsten Trainingseinheit raubt, weil sie sich zu schwer und zu voll und zu atemlos fühlen, um ein wirklich gutes Ergebnis zu erreichen. Ein guter Ausdauersportler zu werden, ist nur ein Beispiel unter vielen möglichen Zielvorsätzen, mit denen man sein inneres System von Belohnung und Verzicht umerziehen kann. Wichtig ist es nur, das Prinzip dahinter zu kennen. Angewohnheiten, die man an sich selbst nicht mehr mag und deswegen ändern will, müssen durch andere, neue Gewohnheiten ersetzt werden, die einen näher an das Ziel bringen. Das Ziel darf nicht durch den Verzicht auf etwas zu erreichen versucht werden, sondern durch die Aufnahme einer neuen Tätigkeit, die im Zusammenhang mit dem Ziel steht. Sport ist für alle Ziele die mit einer Verbesserung des Körpers und der Gesundheit stehen, unabdingbar. Auch bei emotionalen Zielen hilft eine positive, neue Gewohnheit. Wenn Sie sich vornehmen, mehr Zeit mit dem Partner zu verbringen, so ist es nicht zielführend, wenn sie sich diese Zeit durch Verzicht auf ein Glück bringendes Hobby erkaufen wollen. Bedenken Sie: Verzicht macht unglücklich. Ersetzt man aber ein altes Hobby, durch ein neues, gemeinsames Hobby, so hat man Aussicht auf neue, gemeinsame Glücksgefühle – vielleicht ein gemeinsamer Sport? So erschlägt man gleich auf einmal alle Fliegen mit einer gemeinsamen Klappe, so wird es was mit den guten Vorsätzen!







