Lizenz zum Siegen

Dieses Mädchen ist eine Mogelpackung: schlank, lange, dunkelblonde Haare, schüchtern und sehr zurückhaltend. Aber wenn sie auf ihrem Rennrad sitzt, kennt sie keine Gnade. Dann gibt sie alles. Mit ihren gerade mal 13 Jahren ist sie die größte Hoffnungsträgerin des Rottaler Radsportvereins (RRSV): Sofie Mangertseder.

Bescheiden erzählt sie von ihrem Werdegang. „Dass ich Rennrad fahre, war eher Zufall. Mein Papa sponsert den RRSV und meine Schwester fuhr für den Verein“, erinnert sich die Schülerin. Sofie fing irgendwann an, gelegentlich mit ihrer Schwester zu trainieren.

Sehr schnell merkte sie, dass sie ziemlich gut fährt. Im vergangenen Sommer nahm sie an ersten Rennen teil. „Das waren so freie Rennen, bei denen jeder mitmachen kann. Nichts Grossartiges“, sagt sie bescheiden. Heuer hat sie schliesslich ihre Lizenz beantragt, damit sie an ausgewählten Rennen teilnehmen darf. Schon bei ihren ersten Wettbewerben ist sie voll durchgestartet.

Damit Sofie optimal trainieren kann, hat sie an der technischen Universität München einen Leistungstest durchführen lassen. Sie wurde intensiv untersucht und detailiert befragt. Das Resultat: Sofie ist „pumperlgsund“ und darf sich auf dem Rennrad richtig verausgaben. Anhand der einzelnen Testergebnisse ermittelte der Arzt genaue Pulsbereiche, in denen sie am besten an Kondition aufbauen kann.

Deshalb hat die 13-Jährige immer ihre Pulsuhr beim Training dabei. Am Liebsten fährt sie nach wie vor mit ihrer Schwester oder mit ihrem Papa. „Dass ich auf dem Rennrad sitze, während sich meine Freundinnen im CafeÅL treffen oder im Freibad liegen, macht mir eigentlich nichts aus. Schlimm ist es nur, wenn ich alleine trainiere. Dann muss ich mich richtig aufraffen“, erzählt Sofie.

Vier bis fünf Mal wöchentlich trainiert sie zwischen ein und zwei Stunden. 30 bis 60 Kilometer strampelt sie dann schon. Das Training ist unterteilt in Sprints und EB. Während der Sprints fährt Sofie so schnell sie kann. Danach senkt sie die Geschwindigkeit bis ihr Puls wieder im optimalen Trainingsbereich liegt. Es schliesst sich ein EB an: Es wird ziemlich flott gefahren und die Geschwindigkeit dann möglichst lange gehalten.

Diese Einheiten wiederholt Sofie immer wieder. So baut sie extrem viel Kondition auf. Doch mit dem Radfahren trainiert sie überwiegend die Beinmuskulatur. Zum Ausgleich geht Sofie einmal wöchentlich schwimmen und nimmt an einem Zirkeltraining mit einem Physiotherapeuten teil. „So kann ich die einseitige Belastung beim Rad fahren ausgleichen und trainiere nebenbei Arme und Rücken.“ Das harte Training lohnt sich. Schon in ihrem ersten Jahr hat Sofie abgeräumt wie die Profis. Bei der Deutschen Meisterschaft hat sie unter 60 Teilnehmern in ihrer Altersklasse den sechsten Platz belegt. „Damit bin ich überaus zufrieden. Ich war selber überrascht, dass ich gleich bei meinen ersten Rennen vorne dabei bin“, erzählt sie.

Ich bin vor jedem Rennen unendlich aufgeregt

Und das, obwohl sie immer richtig Lampenfieber hat. „Wenn ich mich warmfahre, kriege ich jedesmal solche Bauchkrämpfe, dass es nicht mehr schön ist. Ich bin vor jedem Rennen unendlich aufgeregt.“ Dabei hat sie überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Mit ihrem enormen Trainingspensum und einem FOCUS Profi-Rennrad, das die Mitarbeiter von Zweirad Würdinger in Vilshofen regelmässig warten, kann eigentlich nichts schief gehen. Richtig erfolgreich war Sofie bei den Bayerischen Meisterschaften im Kriteriumfahren und auf der Bahn – sie holte sich gleich zwei Meistertitel.

Aber auch erste Misserfolge musste die 13-Jährige wegstecken. Bei der Kids-Tour in Berlin, an der jährlich etwa 300 Kinder und Jugendliche aus neun Nationen teilnehmen, wurde Sofie beim Kriteriumfahren überrundet und ist somit ausgeschieden. „Das war halt richtig blöd. Da starten zig Teilnehmer gleichzeitig – die schnellsten haben locker 50 km/h drauf. Und der Rundkurs ist nicht so lang, da bist du gleich überrundet“, erklärt die Schülerin. „Ich war schon gescheit enttäuscht. Dass ich aus dem Kriterium geflogen bin, wäre ja nicht so schlimm gewesen. Aber ich bin somit auch nicht in die Gesamtwertung eingegangen. Hätte ich mich nicht überrunden lassen, wäre ich insgesamt fünfte gewesen.“

Doch ihr Papa ermutigt sie. „Konditionell bist du top. Aber die anderen haben halt auch schon technische Erfahrung. Sie wissen genau, wann sie im Windschatten fahren müssen und wann sie sich richtig verausgaben. Sie wissen auch, wann man am besten zum Überholen ansetzt. Aber das kriegst du auch noch hin, wirst sehen.“ Und Sofie selbst ist guter Dinge. Für heuer ist die Saison erst mal beendet. Jetzt wird sie sich wieder verstärkt dem Grundlagentraining widmen. Und nächstes Jahr will sie ganz vorne mit dabei sein. „Ich will an die Spitze und möglichst viele Stockerlplätze erreichen“, so ihr Ziel.

Max Würdinger, Inhaber von Zweirad Würdinger in Vilshofen und Passau und Sponsor des RRSV, soll dann genug Grund haben, Sofie schöne Glückwunsch- Mails zu schicken. „Max ist total nett. Immer wenn ich ein Rennen hatte, schickt er mir Glückwünsche. Er ist auch nie böse, wenn ich es verbocke. Aber ich möchte trotzdem besser werden – und noch mehr Gratulations-Mails bekommen“, sagt Sofie und lacht.

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