Mann und Frau, das passt einfach nicht. Zumindest kommt einem dies so vor, wenn man in den täglich in Männer- und Frauenmagazinen weltweit erscheinenden Sexratgeber blättert, um den einen oder anderen Tipp fürs eigene Hüftworkout zu bekommen: totale Verwirrung, absolute Verunsicherung, ultimative Ahnungslosigkeit. Das andere Geschlecht ist ein weit entferntes, aber hart umkämpftes Krisengebiet, das in den Jahrhunderten der ergebnislosen Kämpfe eine Heerschar von bedauernswerten Opfern gefordert hat.
Sie glauben sie haben guten Sex? Sicher? Ganz sicher? Na dann sagen Sie doch mal, was ist den eigentlich „guter Sex“? Und wann ist es tatsächlich „gut“ – als Steigerung von „ok“ – und warum ist es nicht „atemberaubend“, „phantastisch“ und „umwerfend“? Glauben Sie, dass Ihre Liebste im Kreise ihrer Freundinnen von Ihnen als „Sexgott“ spricht? Denken Sie, dass er vor seinen Kumpels angibt, weil Sie für ihn eine „brutale Granate im Bett“ sind? Was ist den eigentlich ein Sexgott? Was macht eine „brutale Granate“ im Bett eigentlich aus? Die normalste Sache der Welt ist alles andere als normal. Wenn sie nämlich normal ist, ist sie nämlich nicht mehr gut, oder? Haben Sie normalen Sex? Norm- Sex? Normalo-Sex? Um Himmels Willen, Sie brauchen dringend Hilfe!
Normalsex, das ist das Mittelklassefahrzeug in Grundausstattung. Missionarsstellung, zwei bis drei Minuten auf und ab, beiderseitiger Orgasmus wenn´s gut läuft, alles bestens.
Das Wiener Schnitzel des Beischlafes, erotische Hausmannskost.
Nicht spannend, aber schnell gemacht und macht auch satt. Doch damit verdient Mann sich keinen Platz im sexuellen Olymp, und auch Frau kann sich sicher sein, dass er schon von Besserem gehört, gelesen, Besseres gesehen oder gar schon selbst erlebt hat. Die Medien sind nirgends so unbarmherzig wie beim Lieblingsthema alles Leser: das Wiener Schnitzel ist nicht gut! Niemals! Und wem es schmeckt, der hat keine Ahnung. Wer sch damit zufrieden gibt, der macht alles falsch, der muss davon ausgehen, seiner Liebsten mit jedem Hüftstoß Phantasien von kreativen südländischen Loverboys geradezu einzuhämmern. Alle Sexratgeber in allen
Magazinen der Welt lassen keinen Zweifel daran aufkommen: die Frau, die ihrem Mann im Bett nur „gut Bürgerliches“ vorsetzt, sollte wenigstens genügend Anstand besitzen, sich ein Portrait von Pamela Anderson oder wahlweise Angela Jolie vors Gesicht zu halten, um ihrem Partner seine undankbare Aufgabe zu erleichtern.
Und weil wir alle wissen, dass wir eigentlich nur Mittelmaß sind und das Bessere stets des Guten Feind ist, genau deswegen sind wir auch alle so scharf auf die gut gemeinten Tipps in all den mondänen Publikationen. Da sind die „10 geheimen Orgasmus Tricks“ oder die „Zungenspielchen die ihn/sie um den Verstand bringen“ gerade recht, um sich auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Da sind wir aber mal gespannt, was wir da für uns selbst dabei rausholen können.
Richtiger Sex beginnt mit dem richtigen Vorspiel und das beginnt ganz am Anfang erst mal mit dem richtigen Küssen. Jeder möchte gern ein toller Küsser, respektive eine phantastische Küsserin sein. Umfragen zufolge gehen die allermeisten Frauen und auch ein Großteil der Männer davon aus, dass beim Warm-Up noch keine allzugroßen technischen Defizite vorliegen. Frauen halten allerdings besonders große Stücke auf ihre Gesichtsmuskulatur, fast alle weiblichen Befragten halten ihre Küsse für ganz großartig. Männer hingegen zeigen hier schon eher, dass ihnen die Frau tatsächlich ein Rätsel ist. Wie viel Zunge ist richtig? Ab wann ist feucht nass? Mag Sie es, wenn an Ihren Lippen geknabbert oder gesaugt wird? Ist es richtiger, fordernd zu küssen oder lieber verspielt? Fragen über Fragen, die nur unzureichend beantwortet werden. In der Regel übertreffen sich Kussratgeber mit kreativen Ideen, wie man den jeweiligen Partner mit diversen Zungenspielchen zur Ekstase treibt, münden dann aber meist in die große Relativierung. Schließlich seinen die Vorlieben ganz unterschiedlich und eine Zunge, die der einen Frau viel zu zurückhaltend und sparsam mit der eigenen spielt, weckt bei der anderen schon deutliche Assoziationen an eine Magenspiegelung. Da muss wohl jeder selbst rausfinden, was gefällt.
Noch plastischer wird es, wenn man sich mit den Tipps an die handfesten Gebiete des sexuellen Miteinanders macht. Ein großes Männermagazin überrascht seine (männlichen) Leser jeden Monat wieder aufs Neue mit wertvollen Anregungen wie „Er“ aus seiner braven Freundin eine sich in ekstatischen Windungen besinnungslos zuckende Lustsklavin macht, die auf eine bloße Berührung seiner Hände an den geheimsten Punkten (so geheim, dass sie selbst sie nicht kennt) ihrer Physiologie hin von der tosenden Brandung multipler Orgasmuswellen in die totale sexuelle Abhängigkeit gespült wird. Geil. Will ich auch. Wie das dann im Detail geht, das ist dann bisweilen auch recht amüsant zu lesen. Da steht dann ernsthaft, dass Mann, um mehr Pep ins gemeinsame (allen Ernstes) Liebesleben zu bringen, Frau vorschlagen sollte, dass sie ihm nicht nur eine mündliche Tauglichkeitprüfung ablegen dürfe, sondern dies auch noch vor ihm kniend, sich nur an ihren eignen Highheels festhaltend zu erledigen habe, während er ihr ein Hundehalsband umlegen durfte und nun die Leine festhält und mit sanftem Zug den Rhythmus vorgibt. Zugegeben, dies ist sextechnisch kein Wiener Schnitzel mehr. Das ist definitiv Sushi vom japanischen Fugu-Fisch. Angeblich ganz köstlich – aber leider tödlich giftig, wenn man die Zubereitung des Gerichtes nicht 100%ig drauf hat.
Womit wir beim eigentlichen Problem angekommen zu sein scheinen. Wie stellt man von zünftiger Hausmannskost auf phantasievolle Haute Cuisine um, wie probiert man neue Rezepte aus, ohne sich den Herd zu versauen und die Finger zu verbrennen? Was in der Küche schon schwierig sein kann, das ist nämlich im Bett fast unlösbar. Ein Wiener Schnitzel ist immerhin eine vollwertige Mahlzeit. Es gibt Haushalte, da gab es schon seit Monaten kein echtes Schnitzel mehr, sondern nur Tiefkühlkost. Es kann also durchaus noch schlechter werden. Reden oder vollendete Tatsachen schaffen? „Schatz, ich war heute nachmittag im Zoofachgeschäft und hab da was Tolles für unser Liebesleben entdeckt…!“ Sind Sie ein Glückskind? Scheint Ihnen die Sonne aus allen Körperöffnungen? Nein? Dann sollten Sie sich für eine Politik der kleinen Schritte entscheiden.
Über besseren Sex reden können am besten die, die eh schon abwechslungsreichen Sex haben.
Wer viel probiert hat wenig Hemmungen, wer wenig körperliche Hemmungen hat, dem fällt es automatisch leichter, sich darüber auch zu unterhalten. Langweiliger Schnitzelsex ist immer ein Ausdruck von Hemmungen. Wer Angst hat, das neue Rezept könnte misslingen, der bleibt lieber beim Altbewährten. Reden wäre zwar prinzipiell nicht verkehrt, ist aber selten umsetzbar. Also step by step.
Unser Ausgangspunkt ist die Schnitzelsemmel, der routinierte 08/15-Sex mit immer gleichem Ablauf, das Endziel ist die Nummer mit den Highheels und der Hundeleine – oder dergleichen, auf jeden Fall feinste Kochkunst auf Sterneniveau. Beginnen könnte es mit einem kleinen Aufpeppen der Standardsituation. Zum Beispiel neuer Bettwäsche und einem Einweihen des neuen Schlafzimmers mit ein wenig Kerzenlicht. Es sollte mit dem Teufel zu gehen, wenn sich aus dieser geringfügigen Veränderung des Setups nicht automatisch eine leichte Variation im Stellungsspiel ergibt, aber das ist noch gar nicht gefordert. Wenn dies schon gut, war, wie gut könnte sich dann erst ein Fläschchen Sekt zusammen mit Kerzenschimmer auswirken? Step 2… Im dritten Schritt ziehen wir die Sache etwas in die Länge. Ähnlicher Aufbau wie bei den beiden Volltreffern vorher, nun kommt eine kleine Massage mit einem duftenden Öl ins Vorspiel. Wir sind hier bereits bei einem zweigängigem Menü mit ansprechender Tischdeko angelangt. Ein gewaltiger Fortschritt gegen eine Schnitzelsemmel vom Imbiss.
Das Spiel lässt sich nun beliebig fortsetzen. Zu der Massage kommt als nächstes eine neue Praktik dazu. Alles was das Repertoire erweitert und Spass macht ist gut. Es geht letztlich um das Üben von „Standardsituationen“. Wie funktioniert eine erotische Massage, wie fährt er oder sie auf die mündlichen Spiele ab? Mit etwas mehr Übung kann auch mal ein Quickie provoziert werden. Am Anfang ist ein Quickie, also spontaner, schneller Sex an einem ungewöhnlichen Ort, nur für einen von beiden ein solcher. Der andere muss diese Aktion in der Regel gut vorbereiten.
Ist schließlich etwas Neues, einer von beiden muss da die Führung übernehmen, um dem anderen die Angst zu nehmen und das nötige Vertrauen zu vermitteln. Also, wenn Sie ihren Liebsten zu einem Quickie provozieren wollen, den sie beide noch nie gemacht haben, dann treffen Sie alle Vorbereitungen, damit dies auch klappt. Ziehen Sie sich so an, dass er leicht dorthin kommt, wo sie ihn haben wollen. Nichts fummeliges, keine engen Jeans, die sie selbst nur auf dem Boden liegend anbekommen haben. Am besten einen Rock, etwas winziges darunter, das ruhig kaputt gehen kann. Es könnte schließlich sein, dass er etwas über Ziel hinaus schießt und ihnen den Slip vom Körper reißt. Wäre schade, wenn sie nicht zum Orgasmus kommen, nur weil sie ihr 180-Euro-La-Perla-Lieblingshöschen zerrissen vor sich liegen sehen, während er sie von hinten nimmt, als gäbe es kein Morgen. Also: was preiswertes oder gleich nichts drunter. Bestimmen Sie den Ort sorgfältig. Der Reiz des Erwischtwerdenkönnens ist nur so lange reizvoll, wie man nicht erwischt wird, danach wird es peinlich, vor allem für Anfänger. Hartgesottene Naturpopper stecken wüste Beschimpfungen von erbosten Sittenwächtern locker weg, bei Newcomern sollte es ohne Störungen ablaufen.
Und wenn Sie den Ort des Geschehens erreicht haben, kommen Sie ohne Umschweife zur Sache. Der Film heißt „Quickie“ und nicht „Sissy-Mädchenjahre einer Kaiserin“. Erwarten Sie kein langes Vorspiel, kurz, handfest und zielstrebig ist der Kurs. Wenn Sie am geplanten Ort sind, ergreifen Sie die Initiative. Unmissverständlich. Nix langes Rumknutschen und sekundäre Geschlechtsteile subtil umspielen – er wird nicht wissen, wie weit sie gehen wollen. Gehen Sie ihm an die Wäsche, mit einer Direktheit, die ihm in keiner Weise Raum für Fehlinterpretationen lässt. Wenn Sie zu der Art von Frauen gehören, die so schnell keinen Höhepunkt bekommen können, dann fordern Sie augenzwinkernd zu Hause ein Rückspiel mit Verlängerung. Wenn er auch nur einen Funken Anstand in den Lenden hat, wird er Sie fürstlich für das entlohnen, was Sie ihm vor einer halben Stunde im Parkhaus geschenkt haben.







