Demut vor dem Geld
Angefangen hat eigentlich alles mit einer typischen Passauer Katastrophe: ein verheerendes Hochwasser und die damit einhergehende Überschwemmung seines Büros im Sommer 2002 zwang den Immobilienmakler Klaus Edtbauer mit seiner Frau Gudrun zu einigen Tagen Zwangsurlaub in der Pension von Bekannten in Krummau. Hier nahm das Ehepaar zum ersten Mal bewusst eine „Pension“ als Geschäftsfeld wahr. Vielleicht war es der Frust über die Schlammschicht im Büro, welche die Augen für andere Dinge öffneten, vielleicht war es auch ein Zeichen des Schicksals, jedenfalls sollte es noch ein wenig dauern, bis sie selbst in direkten Kontakt mit dem Hoteliersbusiness gekommen sind.
Das Gebäude der Pension Vicus wurde ursprünglich durch eine Immobilienfirma der Familie Edtbauer gebaut und verkauft. Der damalige Pächter hatte die Pension offenbar nicht ganz nach den Vorstellungen des damaligen Besitzers betrieben, so dass dieser schließlich die Familie Edtbauer um Hilfe anrief. Die Begebenheit aus dem Sommer 2002 ließ Frau Edtbauer nicht lange überlegen – sie entschloss sich, die Pension selbst zu betreiben – als völliger Novize in diesem Geschäft.
„Als Seiteneinsteiger in eine Branche zu kommen, dasgeht natürlich nicht ohne einen gewissen Lernprozess vonstatten. Da machst Du natürlich massenhaft Fehler, was aber gar nicht so schlimm sein muss. Es hat aber auch sehr große Vorteile, weil der Blick noch nicht so verstellt ist und weil man unbefangen an das Geschäft heran geht. Du machst instinktiv erst einmal die Sachen für den Gast so, wie du selbst möchtest dass man es für dich als Gast machst. So haben wir zu Beispiel von Anfang an nur die besten Semmerl und den besten Kaffee für unsere Gäste eingekauft – von einer bekannten Innstädter Bäckerei zum Beispiel, die macht die besten Semmerl, die sind einfach der Wahnsinn. Da machst Du dir erst mal keine Gedanken über den Wareneinsatz. Jeder Hoteldirektor würde sich da vielleicht an den Kopf fassen und sagen “Spinnt der?” – aber andererseits haben wir damit einfach ein gutes Frühstück für den Gast mit einem feinen, duftenden Kaffee – so fängt der Tag doch gleich ganz anders an, als wie mit einer billigen Convenience-Brühe, oder?“
Die Familie Edtbauer sind Menschen, die es lieben zu lachen und sie können sich schon über ein paar nette Kleinigkeiten herzlich freuen. Natürlich kanner sich im Gegenzug über kleine Unverschämtheiten auch grandios aufregen. Zum Beispiel, wenn er selbst als Gast in einem Hotel für einen Fernseher auf dem Zimmer Aufpreis zahlen muss oder, ein „Extra-Doserl Marmelad´“ beim Frühstück 1,50 Euro extra kosten soll. Er findet für diese Akte der Gastfeindschaft in der „modernen Hotelvermarktung“ klare, bisweilen auch recht zünftige Worte und geht mit dem in den letzten Jahren zu beobachtenden Trend des „Nachkoberns“, (ein österreichischer Ausdruck) also der Methode, den Gast mit Dumpingpreisen ins Hotel zu locken und dann mit Extrakosten am Ende doch saftig zu kassieren, scharf ins Gericht. Auswüchse dieser Art entstünden dann, wenn man nicht mehr in der Lage ist, seinen Preis beim Gast zu rechtfertigen. Dann muss man ihn verschleiern und hoffen, nach hinten raus doch noch den einen oder anderen Euro heraus zu zocken. Der Gast empfände dies aber zu Recht als „Abzocke“, fasst Klaus Edtbauer zusammen und das sei der Anfang vom Ende der guten Beziehung zum Gast. Kreativität und Leistungsbereitschaftsei der bessere Weg. Kreative, unbefangene Ideen, die in der Branche zunächst unüblich gewesen sind, waren ein weiterer Vorteil, den er als Quereinsteiger mitbringen konnte. Für die erwähnte Bäckerei sponsorte er gleich zu Beginn die Bäckertüten und platzierte im Gegenzug seine Werbung darauf, mit dem Resultat, dass viele Passauer ihren Besuch in Passau vorzugsweise in der Pension Vicus einquartiert haben.
Wie war denn der Umstieg vom Immobilienmenschen zum Betreiber einer Frühstückspension, möchten wir wissen.
„Also das erste was man lernt ist Demut vor dem Geld. Wenn wir uns ein Kleidungsstück kaufen möchten, das 90 Euro kostet, dann wissen wir, dafür muss man 3 Zimmer in der Pension für eine Nacht lang vermieten. Und das ist erst der Umsatz, nicht der Gewinn. Im Gegensatz zum Immobiliengeschäft ernährt man sich von vielen, vielen kleinen Minigeschäften. Das kann am Jahresende durchaus auch eine schöne Summe sein, aber das Bewusstsein verändert sich. Man sitzt abends auch schon mal bis 20 Uhr und wartet noch auf zwei Gäste, weil diese 70 Euro bringen. Wir könnten die Rezeption auch ab 17 Uhr dicht machen, aber dann wären mind. die 70 Euro weg. Man lernt die Wertschätzung für kleine Beträge wieder, was durchaus nicht schädlich ist.
Das andere ist der Umgang mit Menschen. Es ist so interessant, was wir hier an Gästen haben. Man glaubt immer, das Niveau der Gäste habe eine direkte Verbindung zu der Anzahl der Sterne des Hauses, aber das ist gar nicht so. Wir haben eine Bandbreite an Persönlichkeiten, das ist wunderbar. Vom Installateur, der von der Firma hier eingebucht wird, um seiner harten Arbeit auf Montage nachzugehen bis zum Radltouristen der hierUrlaub macht, vom Studenten am Anfang seiner akademischen Bildung bis zum Professor ganz an der Spitze der Wissenschaft – alles ist dabei. Auch Kurioses, Bemerkenswertes. Wir hatten mal einen Studenten, der bei uns wochenlang gewohnt hat, der kam jede Woche mit einem anderen hochwertigen PKW, war zwischenzeitlich auf Kurztrips in Kanada und der ganzen Welt und hatte einen privaten Vermögensverwalter. Oder eine Grupperussischer Studenten – hätten wir die Pässe beim Einchecken nicht gesehen, hätten wir nicht gewusst, welcher Nationalität die waren. Jeder von ihnen sprach fließen 5-6 Sprachen, auch deutsch, völlig akzentfrei. Der eine war aus Sibirien, ein hochintelligenter, sympathischer junger Mann. Sibirien, da denkt unsereins, da gibts nur Rentiere und Felljäger! Aber auch mit vielen Schicksalen wird man konfrontiert – bei uns wohnen auch oft die Angehörigen von Patienten des Rehazentrums gleich hier in der Innstadt und haben schlimme Geschichten zu erzählen. In einem Hotel findet sich alles was man sich vorstellen kann.”
Natürlich sind es nicht immer nur nette Geschichten, aber sie sind in der Mehrzahl. Im Großen und Ganzen liebt die Familie Edtbauer dieses Geschäft und ist damit innerhalb kurzer Zeit so erfolgreich geworden, dass Ende 2006 ein zweites Haus dazu gekommen ist. Auch hier wurde der Familie die Übernahme angetragen, nachdem der vorherige Betreiber nicht ganz glücklich gewirtschaftet hatte. Dieses neue, zweite Projekt war der Thermenhof in Bad Füssing. Mit dem Thermenhof startete das erfolgreiche Paar richtig durch – was natürlich auch an der besonderen Stellung von Bad Füssing liegt.
„Bad Füssing – ja da ist das Land wo Milch und Honig fließen“ lacht Klaus Edtbauer, „Nein, im Ernst, die Kurdirektion und der Herr Bürgermeister Brunndobler verstehen ihr Geschäft. Die haben es geschafft, Bad Füssing über die schwierige Gesundheitsreform zu heben und den Zustrom an Kurgästen weitgehend aufrecht zu erhalten. Außerdem liegt der Thermenhof in der Kurzone 1, direkt an der Therme – besser geht es nicht, alles was an Bad Füssing attraktiv ist, kann man bequem in kurzer Zeit zu Fuß erreichen.“
Kurz nach der Übernahme des Thermenhofes kam ja 2008 auch noch das Hotel & Appartmenthaus Rottalblick in Bad Griesbach hinzu, ebenfalls auf Betreiben Dritter, die sich Frau Edtbauer als Pächterin wünschte. Gudrun Edtbauer hat nun einen besonderen Einblick in die unterschiedlichen Vermarktungsansätze der drei Orte, Passau, Bad Füssing und Bad Griesbach. Wir interessieren uns natürlich brennend für seine Einschätzung der Stärken und Schwächen dieser doch sehr unterschiedlich aufgestellten Tourismusziele.
„Bad Füssing hat einen Vorteil – es ist alles brettleben. Die älteren Menschen haben es hier sehr leicht, alles zu Fuß zu erreichen. Ein wahrer Segen für den Ort ist auch und besonders der Haslinger Hof, denn dort ist einfach besteUnterhaltung geboten. So etwas fehlt leider in Bad Griesbach. Ich denke auch, dass der eingeschlagene Weg, aus Bad Griesbach das Kitzbühel von Niederbayern zu machen nicht sehr glücklich gewählt ist, denn es erzeugt in erster Linie einmal das Image, teuer zu sein. Man sollte sich auf das besinnen, was man hat und was man verkaufen kann und das ist in Bad Griesbach immer noch in allererster Linie das heilsame Wasser und die tolle Therme. “Back to the roots” könnte eine Empfehlung lauten, in diese Richtung denken aber bereits einige kluge Köpfe. Passau hingegen ist eine Boomtown, die Übernachtungszahlen sind auf Rekordniveau, auch hier macht die Tourismusvermarktung einen Spitzenjob. Allerdings machen die ansässigen Gastronomen da noch zu wenig daraus. Es fehlt noch an guter regionaler Gastronomie. Leute die in Passau Urlaub machen, die möchten auch niederbayerisch essen.
Klaus und Gudrun Edtbauer haben in wenigen Jahren mehr über erfolgreiche Hotelerie gelernt, als manche angeblichen Fachleute in ihrem ganzen Leben, und der Erfolg gibt ihnen Recht, wenn sie lieber die teureren „Semmerl“ kaufen um den Gästen ein leckeres Frühstück zu bieten, bei dem gerne auch noch ein zweites „Doserl“ Marmelade gegessen werden kann.
“Einen großen Teil unseres Erfolges haben wir aber auch unseren engagierten Mitarbeitern zu verdanken, die jeden Tag aufs Neue motiviert nach neuen Zielen streben. Es ist immer gut, wenn man Macher am Ort hat, die hungrig nach Erfolg sind. Geht es den Leuten zu gut, tun sie nichts mehr, und dann geht es bergab – Der Gast muss zufrieden sein, dann kommt er auch gerne wieder“