Der Hund ist ein Egoist

Der Hund ist ein Egoist

In Windeseile sucht Malinois Gina alle möglichen Verstecke ab, dann hält sie plötzlich an und beginnt laut zu bellen. Ihre Hundeführerin Susanne Schober kommt sofort zu ihr. Tatsächlich hat Gina den Gesuchten gefunden. Frauchen gibt ihr ein kurzes Zeichen und schon hört die Hündin auf zu bellen. Der Gesuchte verlässt sein Versteck. Doch als Susanne Schober einen Augenblick unachtsam ist, versucht er zu fliehen. Er dreht sich um und läuft weg. Aber Gina ist schneller. Sie macht nur einen Satz und beißt sich im Ärmel des Gesuchten fest. Sie lässt nicht locker, egal wie sehr er auch schüttelt und schimpft. Erst als Susanne Schober dem Malinois- Weibchen den Befehl gibt, lässt sie von ihm ab.

Gina ist eine ausgebildete Schutzhündin. In konsequentem Training hat sie diese umstrittene Ausbildung gemacht. Schutzhund-Gegner behaupten, dass Hunde zu bissigen Bestien erzogen und mit Schlägen richtig scharf gemacht werden. Die Befürworter winken ab, wenn sie so etwas hören. Die Tiere hätten Spaß am Training, erhielten Belohnungen anstatt Schlägen und würden niemals zubeißen, wenn der Gesuchte nicht den speziellen Beiß-Ärmel trägt.  Die PAparazzi-Redaktion wollte sich nun selbst ein Bild von der Lage machen und verbrachte einen Nachmittag auf dem Trainingsgelände des Gebrauchs- und Schutzhunde Sportvereins Ruderting (GSSV).


„Ich beginne ab der achten Lebenswoche mit einfachen Übungen“, erklärt Trainingswart Enrico Hempe. Sein erstes Ziel ist es, die Hunde positiv zu prägen. Sie sollen sich an Leckerlis gewöhnen und somit lernen, dass sie nichts umsonst tun müssen. Bei Welpen ist das Training besonders leicht, da sie noch einen ausgeprägten Futtertrieb haben. Für ein kleines Leckerli machen sie alles. Doch mit dem Alter lässt dieser Trieb nach. Um die Tiere trotzdem bei Laune zu halten, braucht der Trainer einen Futterersatz – meist in Form von Spielzeug. Wenn eine Aufgabe erfüllt wurde, gibt es als Belohnung beispielsweise den Ball zum Spielen. „Der Hund ist ein Egoist. Er tut nichts umsonst“, erklärt Enrico Hempe. Schon allein deswegen wäre es unmöglich, einen Hund mit Schlägen zu erziehen. Er wird dann stur, hat keine Lust mehr auf das Training und die Erfolge bleiben aus. Aus einem gequälten Tier wird nie ein guter Schutzhund, sind sich nicht nur die Mitglieder des GSSV einig.

Für die Ausbildung zum Schutzhund braucht es Konsequenz und einen langen Atem, denn sie ist sehr komplex und nur die besten Hunde schaffen es am Ende. Bevor sie überhaupt zur Schutzhund-Prüfung zugelassen werden, müssen sie viele Zusatzqualifikationen haben. Los geht es immer mit der Ausbildung zum Gebrauchshund. Diese beinhaltet Fährte und Unterordnung.

Bei Fährten-Übungen läuft eine beliebige Person in Abwesenheit des Hundes am besten im Zickzack auf einem Gelände herum und verstreut Gegenstände. Zwei bis drei Stunden später wird der Hund losgeschickt, um die Gegenstände zu suchen.

Unter Unterordnung versteht man den absoluten Gehorsam des Tieres seinem Führer gegenüber. „Ich würde diese Disziplin schon beinahe als Dressur bezeichnen“, erklärt Enrico Hempe. Gina und Susanne Schober zeigen, wie beeindruckend Unterordnung sein kann. „Fuss!“ Die Malinois-Hündin kommt sofort an die Seite ihrer Führerin, sie geht sehr eng an ihren Beinen entlang, jedoch ohne sie zu bedrängen. Die ganze Zeit über hält sie Blickkontakt mit Susanne Schober. Als diese zu laufen beginnt, wird auch die Hündin schneller. „Sitz!“ Aus dem Lauf heraus setzt sich Gina sofort hin. Dass ihr Frauchen zum Sprint ansetzt, interessiert sie scheinbar nicht. Erst als die Erlaubnis erhält, läuft sie ihr hinterher und wedelt freudig mit dem Schwanz. Susanne Schober greift zum Stock und befiehlt Gina wieder Fuß zu gehen. Ohne auch nur zum Stock hinzusehen gehorcht sie. Schließlich bleiben die beiden stehen, die Hündin macht brav Platz, während die Führerin den Stock wirft. Gina bewegt sich nicht vom Fleck, gelassen blickt sie zu ihrem Frauchen auf. „Bring!“ Sofort prescht die Malinois-Hündin los, nimmt den Stock auf und bringt ihn zurück. Als Susanne Schober sie auffordert, das Spielzeug herzugeben, lässt sie es sofort los – kein Zerren, kein Knautschen.

Oberstes Gebot bei diesen Übungen ist, dass der Hund dabei Spaß hat. Sogar in der Prüfungsordnung ist festgehalten, dass das Tier während der Unterordnung freudig und flott neben seinem Führer hergehen muss. Setzt sich der Hund widerwillig in Bewegung oder muss er gar gezwungen werden, ist die Prüfung nicht bestanden.

Ein weiterer Aspekt der Ausbildung ist die Neutralität des Tieres, es muss absolut nervenstark sein und darf sich von nichts erschrecken oder ablenken lassen. Vor jeder Prüfung müssen die Hunde deshalb Wesenstests bestehen. Trainiert wird dafür unter anderem auf der Strasse. „Während ich mit dem Hund spazieren gehe, hält ein Auto direkt neben uns. Der Insasse fragt nach dem Weg und fährt mit quietschenden Reifen wieder weg. Der Hund muss währenddessen still sitzen“, erklärt Enrico Hempe. Eine weitere Übung sind Schüsse, das Tier darf sich nicht erschrecken oder weglaufen, wenn es einen Knall hört. Unter Beweis stellen die Hunde ihr Können regelmäßig bei Festumzügen. Mit zig anderen Vereinen nimmt der GSSV regelmäßig an Umzügen teil. Blasmusik, Böllerschützen, viele Zuschauer, Pferdekutschen oder passierende Autos stören die Tiere dabei nicht im Geringsten. Sie gehen die ganze Zeit über Fuß, im guten Wissen, dass sie anschließend dafür belohnt werden.

Erst wenn Hund und Führer all diese Qualifikationen erworben haben, findet die eigentliche Schutzhundausbildung statt. Dabei wird das Tier zunächst an den Beiß-Ärmel gewöhnt. Diesen soll es als Spielzeug kennenlernen. Nach langen Vorübungen zieht sich ein Figurant – der eine spezielle Schulung braucht – den Ärmel über. Und egal, was passiert, was der Figurant macht oder unter welchen Bedingungen die Prüfung stattfindet, der Hund wird immer nur in den Ärmel beißen. Andere Körperteile interessieren ihn überhaupt nicht. „Die Tiere sind an den Ärmel als Spielzeug gewöhnt und kommen deshalb gar nicht auf die Idee, den Figuranten in den anderen Arm zu beißen“, erklärt Enrico Hempe.

Aber was passiert nun? Der Figurant schlägt mit einem Stock auf den Hund ein. „Das ist ein Softstock – ein Schaumgummi mit Wildleder überzogen. Die Schläge tun nicht weh“, erklärt der Trainingsward. Und er hat recht – denn die PAparazzi-Mitarbeiter haben sich den Stock angesehen und sich selbst damit geschlagen, Schmerzen hatten sie dabei nicht. Die Schläge dienen lediglich zur psychischen Belastung. Der Hund nimmt den Schatten und Schwung von oben wahr, trotzdem muss er am Beiß-Ärmel hängen bleiben, darf nicht loslassen, sich dücken oder weglaufen. Am besten ist es, er zeigt gar keine Reaktion auf den Schlagstock.

Doch nicht alle Hunde lassen das mit sich machen. Es gibt Tiere, die haben Angst, wenn von oben etwas auf sie zurast – und es gibt auch Tiere, die sich für ein Leckerli oder ein Spielzeug nicht von den Übungen überzeugen lassen. Sie sind dann nicht geeignet. „Sobald man ein Tier zu etwas zwingen muss, es keinen Spaß oder sogar Angst hat, macht die Ausbildung keinen Sinn. Da entscheiden wir ganz klar für den Hund, egal wie gerne sein Führer die Prüfung gemacht hätte“, sagt Enrico Hempe.

In der Regel freuen sich die Tiere aber richtig auf das Training und machen jeden „Blödsinn“ des Führers mit. „Ein Hund ist von seiner Natur her ein Arbeitstier. Er will sich auspowern und leidet, wenn ihm die Möglichkeit dazu entzogen wird. Dann sucht er sich eine Ersatzbefriedigung, gräbt zum Beispiel Löcher in den Garten oder zerbeißt Teppiche. Ein ausgelasteter Hund dagegen ist meist ein glücklicher Hund.“

 

Information:  Die Schutzhunde-Ausbildung ist aus der Polizeihunde- Ausbildung heraus entstanden. Die meisten Polizisten trainieren auch privat mit ihren Tieren. So kam es irgendwann zu Turnieren in der Freizeit. An diesen Wettbewerben durften dann auch Privatpersonen teilnehmen. Schließlich entstanden zivile Vereine. Diese dürfen die Ausbildung allerdings nur hobbymäßig machen. Für die Ausbildung von Polizeihunden gibt es nach wie vor eigene, zugelassene Schulen und Prüfungen. Es sind nur bestimmte Rassen als Gebrauchs- und somit auch als Schutzhund zugelassen: Boxer, Dobermann, Haverwart, Deutscher Schäferhund, Malinoise, Riesenschnauzer und Bouvier. Der häufigste Fehler bei der Hundeausbildung ist, dass ihm sein Führer anfangs zu viel durchgehen lässt und dies später korrigieren möchte. Oft geht ein Hund beispielsweise nur in die Hocke, anstatt sich zu setzen. Wird er dann trotzdem belohnt, ist es sehr schwierig, ihm später das richtige „Sitz“ beizubringen. Besser wäre es, ihn sanft am Hintern zu Boden zu drücken. Erst wenn er ganz sitzt, soll er sein Leckerli bekommen. Wer den GSSV Ruderting kennenlernen möchte, hat am Samstag, 21. Mai, Gelegenheit dazu. Dann findet auf dem Trainingsgelände das jährliche Sommernachtsfest statt. Am selben Wochenende werden Prüfungen in sämtlichen Sparten abgehalten.

 

Kommentare (5)

  • enrico

    danke !
    ist euch gut gelungen der bericht.
    war auch eine sehr nette bekanntschaft ,die ich machen durfte.
    gruß enrico hempe

  • susi

    Hallo Enrico,

    danke auch an euch, dass ich und unsere Leser nun endlich erfahren durften, wie eine Schutzhundeausbildung tatsächlich aussieht. Sehr beeindruckend, wie Ihre Hundeführer und die Tiere zusammenspielen.

  • Roland

    Hallo Frau Höpfl,

    der Artikel gefällt mir wirklich sehr!

    Zu den Gebrauchshunden zählen noch der Airedale Terrier und der Herder! Es werden auch x-Mechelaars und andere Mischlinge eingesetzt!

    Viele Grüße

    Roland

  • Joachim Lindemeir

    Hallo,
    eigentlich finde ich ist dies ein sehr gelungener Bericht. Allerdings stimmen zwei Aussagen devinitiev nicht.
    Hunde lernen, unter anderem, durch positive und negative Erfahrungen. Es hat nichts mit Egoismus zu tun, wenn der Hund Erfahrungen die für ihn positive Erlebnisse bringen, negativen Erfahrungen vorzieht. Die Aussage Hunde wären Egoisten ist absolut falsch.
    Für den Hund gibt es auch kein “Leckerli”!!!! Das ist ein vom Menschen unsinnig verwendeter Begriff. Für Hunde gibt es nur “Fressen”. Fressen heißt überleben. Und das ältere Hunde sich nicht mehr so über Futter motivieren lasssen ist auch nicht richtig. Der Hund hat über Jahre nur gelernt das sein Futter auch fürs nichts tun jeden Tag, zur gleichen Zeit, an der gleichen Stelle zur Verfügung steht. Warum sollte er sich dann noch bemühen. Auch das hat nichts mit Egoismus zu tun. Ein Hund lässt sich bis ins hohe Alter über Fressen motivieren. Wenn der Mensch es richtig macht.

    Schöne Grüße

    Achim

  • Susanna

    Interessant.

    Ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll.

    Solche Trainingsmethoden sollten nicht verherrlicht werden.
    Ich kann nichts über diesen Verein an sich sagen. Aber ich habe in meinem Leben zig Hundeschulen gesehen, bei denen Schutzhundetraining angeboten wird. Und ich war nirgends der Meinung dass dieses antrainierte Verhalten sinnvoll oder artgerecht ist. Wie überall gibt es schwarze Schafe… und in diesem Bereich besonders viele.

    “Gina bewegt sich nicht vom Fleck, gelassen blickt sie zu ihrem Frauchen auf.” – Ich habe noch keinen “gelassenen” Schutzhund gesehen. Die meisten sind nervös und angespannt.
    “Oberstes Gebot bei diesen Übungen ist, dass der Hund dabei Spaß hat.” – Ich würde nicht sagen, dass Menschen angreifen und dabei mit einem (angeblich schmerzfreien) Stock eins auf den Kopf zu bekommen “Spaß” ist. Und wenn der Hund ja angeblich nur in den Beiß-Ärmel beißt, dann kann man ja auch nicht behaupten es dient dem Schutz des Menschen, denn welcher Einbrecher/Angreifer trägt einen Beiß-Ärmel.Also für mich völlig sinnfrei.
    Natürlich gibt es Hunde, die mehr “Aufgaben” brauchen, jedoch gibt es meiner Meinung nach sinnvolleres.
    Ich selber besitze 4 Hunde verschiedenster Rassen und Größen. Doch keiner meiner Hunde muss mir beim gehen am Knie kleben oder auf irgendwelche harschen Befehle reagieren. Jeder sollte seinen Hund so erziehen, dass ein gutes Zusammenspiel von Hund und Herrchen dabei rauskommt und nicht einfach nach Schema-F das machen was “alle anderen ja auch machen”.

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