Kaplan Wolfgang Reincke – ein Waldkirchener Original
Fünf Minuten vor der Trauerfeier kommt er mit dem Motorrad um die Ecke gebogen, auf Festen sucht man ihn am besten an der Bar, sein lautes, herzliches Lachen hört man schon von weitem und wenn er sich unbeobachtet fühlt, pfeift er gerne die Melodie vom Mann im Mond. Und doch ist er nur in einer Mission unterwegs: Er will den katholischen Glauben verbreiten. Der Waldkirchner Kaplan Wolfgang Reincke, ein wahres Unikat.
Hätte der 38-Jährige nicht seinen Priesterkragen am Hals, würde man ihn nie für einen Geistlichen halten. Er selbst hatte eigentlich auch einen anderen Weg geplant. Aufgewachsen in einem Gasthaus in Simbach am Inn machte er nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker. Anschließend holte er das Abi nach, weil er an die Uni wollte, der Elektroingenieur schwebte ihm vor. Klar, dass der attraktive junge Mann auch eine Freundin an seiner Seite hatte.
Doch die Frauenwelt sollte nicht lange Freude an Wolfgang Reincke haben. Am Kolleg in Wolfratshausen, wo er sein Abi nachholte, lernte er zum ersten Mal Latein und Griechisch und fand sofort Gefallen daran. Ein fleißiger Kirchgänger war der langjährige Ministrant sowieso schon immer. So entstand langsam die Idee Pfarrer zu werden. Doch erst nach der Bundeswehr traf er die Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. „Beim Bund habe ich viel mit den Kameraden diskutiert. Einige outeten sich als streng gläubig, andere machten sich lustig. Ich jedenfalls beharrte auf meinem Standpunkt des christlichen Glaubens.“ Nach der Wehrpflicht waren die Würfel gefallen. Wolfgang Reincke wollte Priester werden. Angst vorm Zölibat? „Nein. Niemand, der eine glückliche Beziehung führt, trauert einer verflossenen Liebe nach. Auch ich hab mich neu verliebt – in Gott. Und ich bin sehr glücklich in dieser Beziehung.“ So wurde Wolfgang Reincke Priester und ist als Kaplan nach Waldkirchen gekommen.
Mit seiner lockeren, lebensfrohen Art haben ihn die Bayerwäldler gleich ins Herz geschlossen. Auch er hat seine „Schäfchen“ lieb gewonnen. Vor allem zu seinen Ministranten hat er ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. „Ich bin einfach gerne unter Leuten. Ich mag es, wenn sich was rührt. Bei den jungen Leuten tut sich immer was, darum fühle ich mich bei den Ministranten so wohl“, erzählt er. Für sie organisiert er im Sommer ein Zeltlager und im Winter eine Skitour. Mittlerweile lädt nicht nur er die Ministranten ein, sondern auch umgekehrt. „Kürzlich haben sie mich nach Hamburg mitgenommen, dort haben wir ein Musical angeschaut“, sagt er. Übernachtet hat die Gruppe bei einer Bekannten eines Ministranten. „Das war schon lustig, im ganzen Haus lagen wir verstreut.“ Natürlich wollten die Jugendlichen auch die Reeperbahn erkunden, der Kooperator war live dabei. „Vorsichtshalber hab ich aber das Fotografieren übernommen. Nicht dass da Bilder von mir vor berüchtigten Lokalitäten und Geschäften auftauchen“, erzählt er und lacht sich halb krumm.
Doch so locker und unternehmungslustig Wolfgang Reincke auch ist, in der Kirche herrschen andere Sitten. „Ich bin sehr konservativ“, sagt er von sich selbst. Feiern und Spaß haben sei gut, doch müsse man die Kirche nicht mit der Disco verbinden. „Schnaps ist Schnaps, Messe ist Messe“, erklärt er. „Ich hasse nichts mehr, als Spielereien in der Kirche, bei mir tanzt niemand um den Altar.“ Kein Wunder also, dass ihm Vollblutkatholiken, die jeden Sonntag den Gottesdienst besuchen, regelmäßig beichten und alle Sakramente empfangen wollen, am liebsten sind. „Ja, das wünsche ich mir als Priester. Aber wenn jemand
das nicht will, dann kann ich dem doch nicht böse sein“, sagt er. „Das wäre, wie wenn der Wirt unfreundlich zu seinem Gast ist, weil er nur den Nachtisch bestellt und kein ganzes Menü.“
Trotzdem strengt sich der Kooperator sehr an, um das ganze Menü an den Mann zu bringen. „Ich mag Vereinsfeiern und Feste sehr gerne“, sagt er. Auf weltlichen Terminen trifft er Leute, die er in der Kirche nicht sieht. „Auf einer Vereinsfeier ein Grußwort zu halten, in das ich eine halbe Predigt einbaue, etwas Besseres könnte mir doch kaum passieren.“ Auf Festen geht er am liebsten an die Bar. „Das ist interessant, welche Gespräche dort entstehen. Das geht teilweise weit unter die Gürtellinie, wird manchmal richtig ernst, oft ist es aber auch nur ein riesiger Spaß.“
Ziel seiner Ausflüge ist es, mehr Leute in die Kirche zu bringen. Doch daran verzweifelt er manchmal. „Wenn ich am Sonntag vor der Gemeinde stehe, dann denke ich schon gelegentlich: Ich war auf euren Festen, hab jeden Blödsinn mitgemacht. Und wo seid ihr jetzt?“, sagt der Kooperator und klingt einen kleinen Augenblick lang resigniert. Aber gemäß dem Motto „Der Wirt muss nicht das ganze Menü verkaufen“ gibt er nicht auf und verfolgt weiterhin seine Mission.
Und schließlich weiß Wolfgang Reincke auch, wie er sich selbst aufmuntern kann, wenn er Sonntagabend wieder einmal vor einer leeren Kirche steht. „Während der Predigt bestellen mir die Ministranten eine Pizza mit Schinken, Champignons und Sardellen. Die hol ich mir nach der Messe. Dann mache ich es mir mit der Pizza und einem Glas Wein auf dem Sofa gemütlich, schaue die Tagesschau und den Sonntagabendkrimi – so sieht für mich ein schöner Abend zu Hause aus.“







