Schrittweise

Schrittweise

Ulrike Stanek-Steininger ist ein Energiebündel. Je später die Stunde, desto quirliger wird sie, desto umtriebiger setzt sich ihr kreativer Geist in Bewegung und desto zielstrebiger werden ihre flinken Hände, die stets rastlos auf der Suche sind nach Materialien, Blumen, Dingen – um sie zu verändern, zu verwandeln, neu zu arrangieren. Das Erschaffen und Gestalten, das Dekorieren, die Metamorphose eines Ortes vom „Zimmer“ zum „Raum“ ist ihre Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die sie so sehr leben möchte, dass Sie nun einen Schritt gewagt hat, den viele nur verstehen werden, wenn sie den Menschen „Blumen-Uli“ selbst verstehen. Wendungen im Leben können überraschend sein, doch sind sie stets nur das sichtbare Ergebnis am Ende eines langen Weges, von dem uns Ulrike Stanek-Steininger bei sich zu Hause in Pocking erzählt hat.

Ulis Blumenladen in Pocking ist eine Institution. Seit ziemlich genau 20 Jahren schon werden hier florale und dekorative Einzigartigkeiten für den kleinen Anlass und den grossen Augenblick erschaffen und der schnelle Blumengruss gebunden. 20 Jahre, und doch nur ein kurzer Moment nachdem „Uli“ als beste Floristin ihres Jahrganges zur Beendigung ihrer Ausbildung in Österreich mit einer dicken Urkunde geehrt wurde. Hätte ihr Mann Christian uns nicht darauf aufmerksam gemacht, hätten wir von dieser Leistung nie erfahren. Die Urkunde liegt irgendwo. Eine schöne Geschichte, aber nicht wirklich von Bedeutung. Nicht für Uli. Sie wollte und will auch heute nur gestalten. Mit den Händen Schönes erschaffen, darauf kommt es ihr an und deswegen hat sie sich diesen Beruf auch ausgesucht. Vielleicht war es auch umgekehrt – vielleicht hat der Beruf auch sie ausgesucht, denn Ulrike Stanek- Steininger liebt Blumen, Äste, Vasen und Gefässe, Dinge zum Binden und Stecken, einfach alles, was man mit den Händen zu etwas Besonderem verwandeln kann. Zu der Hände Arbeit hat sie fast eine richtig männerhafte Kumpelbeziehung. „Ein besseres Weihnachtsgeschenk als eine Hilti gibt es doch gar nicht“, lacht sie „ohne a gescheites Werkzeug kannst ja nicht arbeiten!“

Als wir so über ihre Arbeit und ihre Ideen sprechen, rückt sie auf einmal mit der Sprache raus. Uli hört mit ihrem Blumenladen auf. Der Vorzeigeladen in der hiesigen Floristenbranche macht dicht – und das aus einen ganz bestimmten Grund. In ihrem privaten Esszimmer, über dem Geschäft am Pockinger Kirchplatz hängt ein Bild, es ist eines ihrer Lieblingsbilder. Es zeigt die berühmte Romy Schneider mit einem Zitat: ÅLIch verschwende mich. Ich liebe von ganzem Herzen.ÅL Der Grund, warum Uli Stanek-Steininger ihren Blumen- und Dekoladen aufgibt, ist dass sie die Arbeit mit Blumen und Dekoration so sehr liebt. Sie liebt sie so sehr, dass sie die ganze Zeit, die sie oft im Laden steht und auf Kundschaft wartet, anstatt in ihrer Werkstatt ihre Ideen auszuleben, als Verschwendung empfindet. Verschwendung von Zeit und Kreativität. Also musste eine Veränderung her: „Natürlich bin ich auch weiterhin für meine Kunden da. Aber eben nicht mehr mit meinem Laden, sondern nur noch in der Werkstatt. Ich besuche Kunden nach Terminvereinbarung, oder meine Kunden rufen mich an und kommen zu mir. Aber auf jeden Fall möchte ich Zeit für meine Kunden haben. Kein Tagesgeschäft, keine Laufkundschaft. Wenn jemand ein besonderes Arrangement für seine Hochzeit, seine Feierlichkeiten, sein Jubiläum, seine Wohnidee oder einen Trauerfall braucht, dann möchte ich Zeit für dieses Gespräch haben. Das geht nicht so schnell einfach über den Ladentisch. Ich habe einfach gemerkt, dass mir dieses wirklich persönliche, individuelle Gestalten am meisten Erfüllung gibt.“

Das Bemerkenswerteste dabei ist, dass diese Entscheidung aus einer Situation getroffen wurde, in der andere eher über eine Erweiterung des Ladengeschäftes nachgedacht hätten, anstatt eine fundamentale Wendung herbei zu planen. Gerade im letzten Jahr hätte sich Ulis Blumenladen keinen besseren Verlauf wünschen können. „Es war irgendwie so magisch“, sagt sie „ich hatte einen sensationellen Herbst. Allerheiligen und Weihnachten lief grandios, ich habe soviel Ware bestellt, aber fast alles habe ich auch verkauft. Das ganze Jahr war toll. Überhaupt waren die letzten 20 Jahre super. Aber ich fühle mich jetzt noch jung genug meine Visionen endlich anzupacken. Ich möchte in meine Werkstatt und dort das tun, was ich am besten kann. Werk statt Ware, das ist mein neuer Name, und der ist Programm.“

Vielleicht ist die Besinnung auf das Individuelle, das Persönliche in Zeiten der Hektik und der Massenabfertigung genau das, was die Kunden in Zukunft möchten. Christian Steininger, Ulis Mann, sieht einen klaren Trend, und er ist als Grosshandelsvertreter in der Floristen- und Dekobranche vom Fach. Seit vielen Jahren sind die beiden ein Dreamteam. Er sieht im klassischen Handel einen Werteverfall, der um so schlimmer wird, je grösser die Mengen sind, die umgeschlagen werden müssen. Immer billiger müsse die Ware sein, die Produkte aus Fernost drängen in die Regale der Baumärkte und werden palettenweise durchgeschleust.

„Die Entwicklung ist erkennbar. Sich den Laden voll zu stopfen mit Ware, die dann auf Biegen und Brechen wieder raus muss, das ist doch der Alptraum für jeden kreativen Menschen. Hauptsache viel und billig, das kann es doch auf Dauer nicht sein. Vor allem weil es oft ein richtiges Glump ist. Mein Mann und ich haben da andere Visionen. Durch seine Einkaufsmöglichkeiten und seine Erfahrung im Grosshandel bin ich in der glücklichen Lage, alle möglichen Gefässe jeder Grössenordung und in jeder gewünschten Qualität innerhalb kürzester Zeit zu besorgen. Wir werden uns auch einen noch grösseren Bestand an Leihgefässen zulegen, so können Firmen oder auch Privatleute zum Beispiel regelmässig umdekorieren und sich auf die neuesten Trends konzentrieren, ohne gleich alles kaufen zu müssen. Wir wollen uns bewusst von den derzeitigen Praktiken abheben. Deswegen mache ich diese Warenschlacht auch nicht mehr mit. Lieber treffe ich mich mit meinem Kunden ganz individuell und wir entwickeln zusammen Ideen und Visionen für was Schönes. Ich gestalte so gern Häuser, aber auch Trauerfloristik liebe ich.“

Wie kann man Trauerfloristik lieben, ist das nicht etwas sehr Trauriges? „Nein, das ist mit das schönste Arbeiten. Es geht doch darum, einem Menschen etwas Schönes mit zu geben. Liebe, Erinnerungen, schöne Gedanken – bei kaum einem Anlass geht man mit so viel Besinnlichkeit und Ernsthaftigkeit ans Werk. Es ist schön, am Ende etwas zu machen das eine tiefere Bedeutung hat.“ Ulrike Stanek-Steininger erkennt die Menschen hinter ihren Kunden, vielleicht ist es das, was sie und ihre Arbeit so besonders macht. Vielleicht ist das sogar die einzige Eigenschaft, das einzige wirkliche Talent, das eine Floristin in ihrem Herzen tragen muss. Wer den Menschen erkennt, der erkennt seine Seele, seine Farben und seine Formen. Die Blume, das dekorative Gefäss an der richtigen Stelle ist dann nur noch der Spiegel dessen, was die Seele ausstrahlt. Lernt man als Floristin die Menschen näher kennen? „Ja, ganz sicher. Man sieht es sofort, was der Mensch ist und womit er sich am liebsten umgibt. Aber vor allem sieht man es, wenn Menschen in einer Umgebung leben, die nicht ihrem Wesen entspricht. Es gibt Menschen, die wurden eingerichtet – vom eventuell schon verflossenen Ex-Lebenspartner oder sogar von einem Innenarchitekten der in Wirklichkeit seinen eigenen Stil anstatt den des Kunden verwirklicht hat. Diese Menschen leiden insgeheim, denn sie sind nie wirklich zu Hause. Aber all das kann man Gott sei dank ändern.“ Uli ist eine quirlige, lebhafte Visionärin, die viel und gerne redet – aber noch besser als reden kann sie zuhören. Sie hört alles, was man ihr erzählt und erinnert sich auch an alles, was man ihr je gesagt hat. Sie hört sogar, was man ihr nicht sagt, hört auch zwischen den Zeilen ganz genau hin. Das Zwiegespräch mit dem Kunden ist ihre Welt.

Jetzt, da wir schon seit fast 3 Stunden mit Uli über ihre neuen Ideen sprechen und die zweite Flasche Rotwein schon halb leer ist wissen wir, das Ulrike Stanke-Steininger gar nicht anders kann als in Zukunft „Werk“ statt „Ware“ zu verkaufen. Es ist die logische Konsequenz nach einer langen Entwicklung. Das Ladengeschäft mit seinem täglichen Verrichtungen, dem oftmals vergeblichen Anwesenheitszwang und dem Reigen der Warenzyklen verschwendet die kreative Energie, die in der rastlosen Gestalterin tobt. Nach 20 Jahren ist es nun an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun…

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