Mission 1: Paintball
Mein Herz rast, mir ist schlecht, ich fühle mich unbeweglich in dem fetten Anzug und die Schutzmaske nimmt mir die Luft zum Atmen. Das laute Geschiesse auf dem Spielfeld macht mich halb wahnsinnig. Ich möchte diese bescheuerte Hose mitsamt den Brustpanzer ausziehen, die Schutzmaske in eine Ecke schmeissen und nach Hause gehen. Was mache ich eigentlich hier? Paintball spielen, schon klar. Aber ich hab keine Lust, genau genommen habe ich die Hose gestrichen voll, meine Händen zittern, als wäre ich auf Entzug.
„Magst mitspielen“, fragt mich Team-Kapitän Andi und fügt fast nebenbei hinzu: „Wir trainieren heute mit einer Mannschaft der zweiten Bundesliga.“ Mir stockt der Atem. „Äh, du, nein. Ich schau erst mal ein bisschen zu“, erwidere ich schüchtern, obwohl ich eigentlich alles andere als zurückhaltend bin.
Eilig springen die Männer durch die Lücke in der Umzäunung des Spielfelds und stellen sich hinten und vorne am Feld auf, ihre Waffen halten sie Richtung Boden. „Five seconds, three, two, one. Go!“, brüllt der junge Mann neben mir. Kaum hat er sein Go herausgeschrien, wird es laut. Die Spieler schiessen wie wild. Direkt vor uns robbt einer über den Boden. In schnellen Bewegungen kriecht er an der Deckung entlang. Auf der anderen Seite der Deckung tut es ihm sein Gegner gleich. Ich bin gelähmt vor Anspannung. Der Gegner schaut in einer schnellen Bewegung über die Deckung, sieht den Spieler vor sich, hebt seine Waffe, richtet sie auf ihn – alles binnen eines Bruchteils einer Sekunde – und schiesst ab. Sofort verrinnt die orange Farbe der Munition auf dem Rücken des Getroffenen. Er steht auf, hebt die Waffe in die Luft, hält sich die andere Hand an den Hinterkopf und läuft zum Ende des Spielfeldes, wo das Match begonnen hat.
Wenige Sekunden später ist das Spiel zu Ende, die Bundesligisten haben all ihre Gegner getroffen. „Weisst du was? Ich erklär dir jetzt erst mal, wie Paintball eigentlich funktioniert und dann kommst du mit aufs Feld“, von hinten tippt mich ein Spieler an und zieht sich die Maske vom Gesicht. „Gut aussehend, eigentlich nicht gerade ein Rambo-Typ“, denke ich zu mir selbst. Er ist ziemlich ausser Atem, aber er lächelt mich an. „Na so lange hat das Spiel doch gar nicht gedauert. Und trotzdem bist du so fertig?“, frage ich frech. „Du wirst schon sehen, wie dich der Adrenalinschub und die ungewohnten Bewegungen ausser Atem bringen werden“, entgegnet er und kneift mich in den Arm. Ich verstehe die Welt nicht mehr, so nette, charmante, junge Männer beschiessen sich gegenseitig mit Farbkugeln?
„Paintball ist kein Ballerspiel, bei dem es nur darum geht, seinen Gegner abzuknallen. Wir sind hier, um Sport zu treiben und Spass zu haben, aber auf keinen Fall um Krieg zu spielen“, sagt der hübsche Blonde, dessen Name ich in der ganzen Aufregung vergessen habe. Er erklärt mir, dass Paintball ein Team-Sport sei, bei dem man nur mit Strategie und Kommunikation weiterkommt. Ziel des Spiels ist es, die Fahne der Gegner zu erobern und zum eigenen Fahnenpunkt zu bringen. Doch das hat noch nie geklappt, nicht einmal bei den Profispielern. Denn die Gegner versuchen die Fahnenräuber zu markieren. Sobald alle Spieler der gegnerischen Mannschaft markiert wurden, ist das Spiel gewonnen. Und das geschieht viel schneller, als man die Fahne überhaupt erblickt. Ca. drei Minuten dauert ein Match in der Profiliga, bei Anfängern läuft es eher auf eine Minute hinaus. Das Gerät, mit dem geschossen wird, heisst nicht Waffe sondern Markierer. Und die Farbkugeln sind keine Munition sondern Paints. Diese gibt es übrigens in sämtlichen Farben ausser in rot. „Rot sähe aus wie Blut und das ist nicht Sinn des Spiels. Deshalb ist auch Tarnkleidung strengstens verboten. Im Army-Look kommt bei uns keiner rein“, erklärt mir der blonde Spieler.
„So, und jetzt komm mit.“ Er hält mir die Lücke der Umzäunung auf und ich möchte durchschlüpfen. „Halt, erst die Schutzmaske aufsetzen“, ermahnt er mich. Kaum habe ich das Teil vorm Gesicht, spüre ich wieder, wie es mir die Luft abschneidet. Tief durchatmen. Ausführlich erklärt mir der junge Mann, wie ich den Markierer bedienen muss. Dann drückt er mir das Gerät in die Hand und ich schiesse ein paar Mal gegen eine Deckung. „Ok, dann kann‘s ja losgehen“, sagt er und winkt die anderen Spieler aufs Feld. „Äh, nein“, versuche ich noch meinem Schicksal zu entkommen. „Freilich“, erwidern die anderen Spieler nur und nehmen mich mit ans Ende des Feldes. „Du läufst hinter die linke Deckung und schiesst einfach durch“, erklären sie mir noch kurz meine Position.
„Five Seconds“, ertönt es vom Rand des Felds. Mir ist schwindelig. „Th ree, two, one.“ Meine Hände krallen sich an den Markierer und ich gehe leicht in die Hocke, damit ich gleich lossprinten und mich verstecken kann, wenn‘s losgeht. Ich kriege überhaupt nichts mehr mit um mich, fokussiere nur noch die Deckung auf der linken Seite. „Go!“ Ich sprinte los und hechte mich hinter die Deckung. Ich schaue vorsichtig rechts daran vorbei, kann aber weder meine Team-Kollegen noch die Gegner entdecken. Ich schiesse wild um mich. Was soll ich sonst auch tun, wenn ich niemanden sehe? Ich erhebe mich aus der Hocke und schaue wieder rechts an der Deckung vorbei, die ganze Zeit nehme ich den Finger nicht vom Abzug. Da macht es einen Platscher an meiner linken Schulter, refl exartig fasse ich hin und schon habe ich die orange Pampe an den Fingern. Ich hebe die Waff e, damit die anderen Spieler sehen, dass ich getroff en wurde und nehme die andere Hand an den Hinterkopf. Es muss ja nicht sein, dass mich auf dem Weg ins Aus noch eine Kugel am Kopf erwischt. Ich zitt ere am ganzen Leib, bin höllisch ausser Atem. Binnen weniger Sekunden sind auch meine Teamkollegen bei mir, das Spiel ist aus. Ich kriege überhaupt nicht mit, wer gewonnen hat, so aufgeregt bin ich.
Doch ehe ich mich beruhige, höre ich schon wieder das Startsignal „Go!“ Wieder sprinte ich los und gehe hinter der Deckung in die Hocke. An meinem rechten Arm fl itzen die Farbkugeln nur so vorbei. Aber ich bin doch nicht dumm. Diesmal versuche ich es von der linken Seite. Einmal, zweimal, beim dritten mal erwischt mich ein Paint direkt ins Gesicht. Die orange Farbe zieht sich über die Maske, dass ich kaum noch etwas sehe. In der dritt en Runde merke ich erst gar nicht, dass ich getroff en wurde. Das Adrenalin macht mich wohl schmerzresistent. Aber irgendwie fühlt es sich feucht an am Kopf. Ich fasse mir ins Haar und wieder zieht sich die orange Pampe zwischen meinen Fingern.
Für ein viertes Match fehlt mir die Kraft . Obwohl ich insgesamt wahrscheinlich nicht einmal 500 Meter gelaufen bin, krieg ich kaum noch Luft . Meine Beine zitt ern. Ich bin fi x und fertig. Vorm Spielfeld lege ich den Markierer zur Seite und nehme die Schutzmaske ab. Aber es geht mir gut, ich fühle mich ähnlich glücklich wie nach einem Zehn-Kilometer- Lauf. „Hast dich ja ganz wacker geschlagen“, lobt mich der Team-Kapitän Andi und der nett e Typ von vorhin fragt, wie es mir geht. „Du hast den typischen Anfänger-Fehler gemacht und hast immer auf der gleichen Seite an der Deckung vorbeigeschaut. Beim dritt en Mal durchschaut dich der Gegner natürlich und erwischt dich mitt en ins Gesicht, nennt sich Snapshot – wie der Schnappschuss beim Fotografi eren“, erklärt Andi und lacht.
Spätestens jetzt weiss ich, dass Paintball-Spieler keine Rambos sind. Paintball ist ein Strategie-Spiel, bei dem man seinen Markierer und jede Bewegung blind beherrschen muss, um sich ganz auf den Gegner konzentrieren zu können. Nebenbei soll man aber auch noch auf die Rufe der Team-Kollegen hören, die einem sagen, wo sich noch Gegner verstecken oder wo eine Gefahr lauert. „Paintball ist wie Schach und Völkerball in einem. Eigentlich ein typischer Frauensport – ihr seid doch multitaskingfähig“, scherzt Andi.
Und was ist mir geblieben von meinem ersten Paintball-Versuch? Blaue Flecken? Fehlanzeige, nicht mal eine winzige Beule. Dafür habe ich einen scheusslichen Muskelkater in den Oberschenkeln, der wird aber auch verschwinden. Alles was mir bleibt ist die Vorfreude auf das nächste Match..
Ein herzliches Dankeschön an das Team des Sportparks Reutmühle in Waldkirchen, das mir meine ersten Paintball-Erfahrungen ermöglicht hat.
Eure Susi







