Gotthard Pilsner (28) ist mehrfacher Snakeboard-Weltmeister. Jetzt will er Lehrer werden – eventuell
Blaue Flecken am ganzen Körper, Prellungen, Verstauchungen, komplizierte Knochenbrüche – für Gotthard Pilsner alles kein Grund aufzugeben. Er liebt sein Snakeboard, liebt den Nervenkitzel, liebt den Augenblick wenn er wiedermal einen neuen Trick hinbekommen hat. Der 28-Jährige ist zweifacher Weltmeister, hat mit seinem Brett unter den Beinen schon die Welt bereist. Doch nun will er sesshaft werden – theoretisch zumindest.
Genau die Hälfte seines Lebens hat Gotthard Pilsner mit seinem Snakeboard verbracht. „Mit 14 wollte ich das Skaten unbedingt mal ausprobieren. Es war damals eine Trend-Sportart, ich wollte dazu gehören“, erzählt er. Er hat sich erstmal nur ein gebrauchtes Board gekauft und damit seine ersten Versuche gewagt. Doch es hat nicht recht geklappt. Schon nach den ersten Stürzen hat Gotthard Pilsner aufgegeben. In Ruhe gelassen hat es ihn aber doch nicht. Also hat er es wieder versucht und wieder und wieder. Nach einem Jahr hatte er bereits erste Tricks drauf, konnte schon mehr als sich nur auf dem wackeligen Brett halten. Aber Übermut tut selten gut. Bei einem Sprung ist er gestürzt und hat sich das Bein kompliziert gebrochen. Über ein halbes Jahr musste er mit einem Gips rumlaufen. „Ich hab gesagt, ich hör auf. Ich wollte einfach nicht mehr. Aber die Zeit verging und noch ehe ich den Gips abbekommen habe, stand ich wieder am Skaterplatz und schaute meinen Freunden zu“, erinnert er sich. Als Gotthard Pilsner wieder laufen konnte, legte er richtig los. Jede freie Minute übte er und wurde immer besser.
Alles, was er heute kann, hat er sich selbst beigebracht. „Trainer gibt es beim Skaten nicht“, erzählt er. „Ich habe mir viele Magazine gekauft, Fachzeitungen gelesen, online Filme angesehen. Dann habe ich versucht, die Tricks nachzumachen.“ Für den Anfang war das ganz gut, die ersten kleineren Wettbewerbe konnte er damit gewinnen, doch für mehr hätte es auch nicht gereicht. „Wenn man an die Weltspitze will, darf man nicht nur anderen ihre Tricks nachmachen, man muss sich selber was einfallen lassen, immer wieder etwas komplett Neues zeigen.“ Sobald jemand einen Trick vor dir gemacht hat, ist er uninteressant.
Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Gotthard Pilsner hat ewig trainiert, um einen Salto ganz ohne Rampe über eine Treppe hinzukriegen. Das Endresultat: Eine gebrochene Ferse. Bis er wieder auf den Beinen war, hatte sein Kumpel den Trick längst eingeübt. „Ich hab diesen Salto nie mehr wieder probiert. Ich hab mich grün und blau geärgert, dass ich mich so kurz vorm Ziel verletzt habe. Aber dann beherrschte ein Freund den Trick, für mich war er somit uninteressant.“ Doch ein kreatives Köpfchen wie Gotthard Pilsner ist, fielen ihm neue, noch bessere Stunts ein.
2000 trat er zu seiner ersten grossen Meisterschaft an, dem D-Cup. Gleich bei seiner ersten deutschen Meisterschaft belegte er den dritten Platz. Damit hatte er sich für die WM in Argentinien qualifiziert. Mit einem weiteren dritten Platz standen ihm alle Tore offen. Innerhalb von vier Jahren hatte er es an die absolute Weltspitze geschafft. Das wollte Gotthard Pilsner erst mal auskosten. Anstatt nach der WM nach Hause zu fahren, blieb er für knapp vier Monate in Argentinien. „Da hab ich es mir richtig gut gehen lassen“, sagt er und lacht. Sponsoren hatte er damals noch nicht. Mit verschiedenen Jobs und viel Sparen hat er sich über Wasser gehalten.
Danach ging es richtig los. Gotthard Pilsner war seit 2000 bei jeder WM dabei, immer landete er unter den top ten. Mittlerweile hatte er auch Sponsoren von sich überzeugen können. Von 2003 bis 2005 war er intensiv in den USA unterwegs, um Videos zu drehen. „Alle drei Monate bin ich nach Hause geflogen, aber dazwischen war ich nur am Trainieren und Filmen. Montag hatte ich frei, von Dienstag bis Freitag wurde gefilmt und am Wochenende haben wir gedreht.“ Gelebt hat Gotthard Pilsner in einer WG mit seinen Team-Kollegen und dem Sponsor. „Der hat dort ein Haus. Das war natürlich der Oberhammer, mit 23 Jahren mehr oder weniger in den USA zu leben und nichts zu tun, außer zu skaten.“
Wieder zurück in Passau jobbte der erfolgreiche Leistungssportler in einem Skaterladen, trainierte aber weiterhin. „Ich hab beides hauptberuflich gemacht“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Vom Sponsoring alleine kann er nicht leben, das Skaten für den Job aufzugeben, fällt ihm im Traum nicht ein. Also macht er eben beides: Geld verdienen und Trainieren.
Immer wieder tourt Gotthard Pilsner rund um den Globus, um Videos zu drehen. „Ein Freund von mir hat mal gesagt, Weltmeister ist man nur einmal. Wiedererkennungswert kann man sich nur durch Videos erarbeiten“, erzählt er. Klar ist die WM immer wieder schön, es ist immer wieder ein Nervenkitzel. Aber im Endeffekt kommt es nur auf den einen Moment an. „Verkackt man diese eine Minute, ist der Titel futsch. Dann bekommt ihn eben ein anderer, vielleicht schlechterer Skater, der es eben in genau der einen Minute drauf hatte“, erklärt Gotthard Pilsner. Bei Videodrehs kann er wirklich zeigen, was in ihm steckt.
Dass diese Drehs allerdings auch Opfer fordern ist klar. Der mehrfache Weltmeister betreibt das Filmen professionell, er trainiert hart und hat bei den Drehs ein ganzes Kamerateam dabei. Oft ist er wochenlang in Californien, Barcelona oder Chile um die Tricks in den Kasten zu bekommen. Für die Familie ist da nur noch wenig Platz. „Meine Eltern sind schon stolz auf mich, aber manchmal sind sie auch gekränkt, wenn ich mich Monate nicht melde“, erzählt Gotthard Pilsner. Eine Freundin hat er nicht. „Das ist schwierig. Sie könnte zwar theoretisch immer mitkommen, aber praktisch geht das natürlich nicht. Sie hat schließlich auch ihre Freunde und Arbeit hier. Unterm Strich muss sie sich mit dem Skaten abfinden“, so das harte Urteil des Profis.
Doch das Vagabundenleben wird nicht ewig so weitergehen, dessen ist sich Gotthard Pilsner bewusst. Deshalb plant er jetzt allmählich sesshaft zu werden. Da er bisher keine richtige Ausbildung gemacht hat und auch keinen vernünftigen Abschluss vorweisen kann, hat er sich entschlossen in dem Skaterladen, in dem er bisher gejobbt hat, eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann zu absolvieren. Das hat er geschafft und ist nun an der BOS in Passau, wo er gerade im Abistress steckt.
Die Welt bereist er nur noch in den Ferien, ansonsten vergnügt er sich am Skaterpark in Kohlbruck. Nach dem Abi will er aber nochmal weit weg von der Heimat. Einfach rumtouren und Filme drehen. Ab September sind die Rampen dann erstmal passé, der Hörsaal wird dann seine neue Heimat. Gotthard Pilsner hat sich für ein Lehramtsstudium Sport-Englisch entschieden. „Ich kann schließlich nicht ewig filmen und bei Weltmeisterschaften skaten. Was ist, wenn ich mal 40 bin?“ Wenn er die Uni hinter sich gebracht hat, wird er wohl sesshaft werden – theoretisch zumindest. „Lehrer haben genügend Ferien, die man zum skaten auf der ganzen Welt nutzen kann.“







