Warmes Licht

Advent,Advent, ein Lichtlein brenntEin Blick hinter die Kulissen einer Kerzenfabrik – Kopschitz Kerzen in Rotthalmünster

Die Kerze als Lichtspender verfügt über eine lange Geschichte – erste Aufzeichungen datieren mindestens 3000 Jahre zurück – und noch heute ist sie alles andere als „altmodisch“. Ganz im Gegenteil, in Zeiten von Leuchtsto röhren und Energiesparlampen die durch ihr kaltes, unnatürliches Licht Gesundheit und Wohlbeƒ nden einer harten Prüfung unterziehen, sorgt die heimelige Atmosphäre abendlichen Kerzenscheins für Momente der Romantik, Ruhe und Beschaulichkeit. Kerzen wirken mit ihrem Lichtspektrum beruhigend für Körper, Geist und Seele und versetzen die menschliche Psyche in eine Œ iedvolle, gelassene Stimmung – es ist beispielsweise fast unmöglich, sich bei Kerzenlicht heftŽig zu streiten.

Die heutige Kerze ist fast schon ein High-Tech- Produkt. Weniger aufgrund ihrer Bauart, die sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert hat,als durch das Knowhow bei der Konzeption und Herstellung des „Systems Kerze“, wie es von Dr. Alexander Kopschitz, Geschäft sführer der gleichnamigen Kerzenfabrik in Rott halmünster, gerne bezeichnet wird, der wir für diese Reportage einen interessanten Besuch abstatten durften

. Als man angefangen hat, das Feuer als Spender von Licht in den eigenen 4 Wänden kontrolliert brennen lassen zu wollen, behalf man sich zunächst mit Öllampen und Fackeln. Erst um Christi Geburt herum waren die ersten Kerzen aus Bienenwachs so weit entwickelt, dass man ohne ein Gefäß verwenden zu müssen, einen Docht kontrolliert abbrennen lassen konnte. Das Christentum und die daraus entstehenden kirchlichen Gebräuche sorgten für eine rasche Verbreitung der Kerze als Leuchtmitt el und bald war die Kerze aus Bienenwachs fester Bestandteil der Liturgie. Noch heute ist bei bestimmten Kerzen für den kirchlichen Einsatz eine Mindestanteil von 10% Bienenwachs vorgeschrieben. Mit dem Bienenwachs entfaltete sich die Kerzentechnologie durch das gesamte Mittelalter hindurch – allerdings war Bienenwachs nur begrenzt verfügbar und dem entsprechend teuer. Nur die Kirche selbst und bei Hofe, bestenfalls noch im reichen Bürgerskreise konnte man sich dieses Luxuslicht leisten. Im Haushalt des gemeinen Volkes behalf man sich mit Kerzen aus Talg oder minderwertigem Fett , sie rußten, tropft en und stanken gott serbärmlich undwaren auch nicht schön anzusehen. Zwischenzeitlich kam man auf die grandiose Idee, Talgkerzen mit Arsen zu weißen, stellte dies allerdings aufgrund dramatischer Nebenwirkungen recht bald wieder ein. Die heutigen Kerzen bestehen vorwiegend aus Paraffi n oder Stearin, oder auch aus Gemischen. Paraffi n ist eine Nebenprodukt aus der Erdölverarbeitung, Stearin hingegen wird hauptsächlich aus pfl anzlichen Fett en gewonnen. Beide Rohstoff e wurden erst im frühen 19. Jahrhundert entdeckt und sind damit vergleichsweise junge Erfi ndungen zur Verbesserung eines 3000 Jahre alten Produktes.

Wie nun so eine Kerze produziert wird und was man bei der Produktion alles an Erfahrungswissen mit einbringen muss, das haben wir in Rott halmünster vor Ort bestaunen können.

Die Firma Kopschitz ist mit Ihrer 200-jährigen Geschichte ein wahrhaft ig historischer Traditionsbetrieb. Ursprünglich in Troppau im heutigen Tschechien angesiedelt, musste der Großvater Kopschitz nach kriegsbedingter Enteignung und Flucht aus dem Sudetenland in Rott halmünster wieder ganz von vorne beginnen. Heute jedoch steht im Rott al eine der 6 oder 7 größten Kerzenfabriken Deutschlands mit einer Produktionsfl äche von über 10.000 Quadratmetern und einem stündlichen Ausstoß von 30.000 Kerzen, die von 120 Mitarbeitern zum Teil im 3-Schichtbetrieb produziert werden.

Den Anfang nimmt die Kerze mit der Anlieferung des Rohstoff es Paraffi n. Jeden Tag kommt ein Tanklastzug und liefert das fl üssige, ca. 80 Grad Celsius warme Wachs an. 30.000 Liter, Tag für Tag. Zwischengelagert wird es in riesigen Tanks, der Vorrat reicht zur Zeit aber nur für höchstens 5 Tage Produktion, stetiger Nachschub ist also unabdingbar.

Der nächste Schritt ist die Überführung des flüssigen Paraffi ns in einen anderen Aggregatszustand, aus der warmen Flüssigkeit soll festes Wachs werden. Dazu wird es aus einer ganzen Batt erie von feinen Düsen über riesige, statisch aufgeladene Kühltrommeln gesprüht, die Tropfen werden durch die statische Anziehungskraft von den Trommeln angezogen, kühlen unmitt elbar darauf ab und verfestigen sich als dünne Wachsschicht auf den Kühlzylindern, von denen sie als feines, granuliertes Wachspulver abgeschabt werden – und fertig ist der schneeweiße Rohstoff für die Kerzenproduktion.

Kerzen herzustellen, darunter stellen sich die meisten wohl das traditionelle „Ziehen“ von Kerzen vor, bei dem man den Docht immer wieder in eineWachsbad taucht, herauszieht, abkühlen lässt und so Schicht um Schicht die Kerze dicker werden lässt. Auch unser Chefredakteur hat dies in seiner Kindheit in der elterlichen Küche praktiziert – mit einem Wollfaden als Docht und einen Kochtopf als Wachsbehälter. Die anschließende Sauerei in derKüche mit vertropft em Wachs und verwachstem Kochtopf ist noch in lebendiger Erinnerung. Unnötig zu erwähnen, dass die Pobacken des Autors nach der anschließenden Abreibung durch die Mama heller und nachhaltiger aufleuchteten als der denkbar ungeeignete Wolldocht.

Gezogen werden Kerzen heute in der Produktion fast nicht mehr, das bevorzugte Verfahren ist das Kaltextrudieren oder Strangpressen oder aber das Stempelpressen. Beim Strangpressen wird Paraffi npulver unter hohem Druck in einem endlosen Strang gepresst, die Stränge werden dann mit automatischen Sägevorrichtungen auf die gewünschte Länge gekürzt, entgratet, der Kerzenkopf wirdausgefräst, das Dornloch für den Kerzenhalter im Boden der Kerze eingefräst und der Docht wird durch ein mittiges Loch im Rohling eingezogen.Danach bekommt die Kerze ihre Veredelung – ein Tauchbad in flüssigem Paraffin, das ihr ihre seidige, glatte Oberfläche verleiht.

Die Veredelung der Kerzenoberfläche ist eine Prozess, bei dem der Kreativität kaum Grenzen gesetzt sind. Die großen Stückzahlen sind lediglich einfarbig colorierte Kerzen, dazu wird entweder das Paraffin im Tauchbad gefärbt oder aber die Kerze in ein Bad aus speziellem Lack getaucht, Metallic- und Effektlacke sind dabei ebenso wenig ein Problem wie die weitere Veredelung in aufwendigerHandarbeit. Bei der Färbung von Kerzenüberzügen bedient man sich eines Farbrezeptbuches, bei dem alle denkbaren Farben aus nur wenigen Grundpimenten zusammengemischt werden können, dies erspart wertvolle Rohstoffe. Uns fällt auf, dass beim Ausfräsen der Kerzenformen doch eine ganze Menge an Spänen anfallen und wollen wissen was damit geschieht.

„Saubere Späne werden einfach wieder in den Produktionskreislauf eingebracht, Wachs kann man beliebig oft schmelzen und verfestigen. Ist das Wachs so verschmutzt, dass daraus nicht einmal 2. Wahl Kerzen zu machen sind, weil es beispielsweiseFärbungen enthält oder am Boden lag, so wird es in Blöcken eingeschmolzen und an Hersteller von Grill- oder Kaminanzündern verkauft. Weggeworfen wird nichts.“ Klärt uns Alexander Kopschitz auf. Die wenigen Blöcke, die wir in der Schmutzwachssammelstelleentdecken weisen jedoch darauf hin, dass nur sehr wenig Wachs aus dem Produktionskreislauf ausfällt.

An Formen und Farben ist in Rotthalmünster kein Mangel. Bei entsprechender Stückzahl kann jeder Kundenwunsch maschinell umgesetzt werden, bei kleinen Stückzahlen werden die Kerzen noch von Hand gegossen und veredelt. Wachsschnitzereien,Bedrucken und Bekleben mit farbigen Motiven – nahezu alles ist machbar. Die Kerzen aus dem Rottal sind echte Qualitätsprodukte. Kerze ist nicht gleich Kerze, klärt uns Dr. Alexander Kopschitz auf. Das System Kerze müsse funktionieren. Was es bedeutet, wenn eine Kerze „funktioniert“, das ist uns eine Nachfrage wert. „Es gibt eigentlich nichts einfacheres als eine Kerze, und es gibt auch nichts schwierigeres. Die Qualität einer Kerze erkennt man ja nicht an ihrem Aussehen, eine gute Kerze unterscheidet sich von einer schlechten optisch in keinem Merkmal. Erst wenn man sie anzündet, merkt man die ersten Unterschiede. Die Kerze soll nicht rußen, nicht fl ackern und nicht tropfen. Damit sie nicht rußt, ist die Qualität des Dochtes entscheidend und auch sein Verhältnis zum Durchmesser der Kerze. Ist der Docht zu schwach dimensioniert, seine Flamme für den Kerzendurchmesser also zu klein, so kommt es zum Hohlbrennen der Kerze, ein tiefes Loch entsteht. Ist das Loch zu tief, in dem der Docht dann brennt, so kommt es im Kerzenloch zu Konvektionswirbeln, welche die Kerze fl ackern und rußen lassen. Das ist unerwünscht. Ist der Docht allerdings zu stark, so brennt er die Kerze zu stark ab, so dass der Rand abgeschmolzen wird, die Kerze tropft und der Docht rußt. Gleiches passiert, wenn der Docht nicht genau in der Mitt e der Kerze liegt. Schlimmstenfalls brennt der Docht ab und wird zu kurz, dann brennt die Kerze gar nicht mehr. Das System „Kerze“ muss sich im Gleichgewicht befi nden, das ist die Kunst bei der Herstellung und macht den Produktionsprozess ein wenig aufwendiger.“

Kopschitz ist eines der Gründungsmitglieder der „Gütegemeinschaft Kerzen“ (RA L Gütezeichen KERZEN), ein Verband von Herstellern, die sich einem besonders anspruchsvollen Qualitätsmanagement unterwerfen und dieses auch durch die unabhängige DEKRA überprüfen lassen. Es umfasst die Qualitätssicherung und Dokumentationjeder einzelnen Kerzencharge mit lückenloser Rückverfolgbarkeit jeder Kerze. Kommt es beim Kunden zu Beanstandungen, so kann für jede Kerze nachvollzogen werden aus welcher Produktionscharge sie stammt, was die Fehlersuche erleichtert. Aus jeder Charge werden in der Brennkammer Kerzen abgebrannt um eventuelle Kerzenfehler schon vor der Auslieferung zu entdecken. Rohstoffe, Dochte, Farben und Lacke müssen strengen Qualitäts- und Umweltstandards genügen, was bei Billigimporten aus Fernost natürlich nichtnachvollziehbar ist. Gerade bei billigen Importkerzen sind bereits gesundheitsschädliche Lacke und Inhaltsstoffe nachgewiesen worden, die beim Abbrennen natürlich im ganzen Haus verdampfen. Das RAL-Gütesiegel der Kerzenhersteller sollte also beim Kauf der Adventskranzbeleuchtung beachtet werden.

Kerzen verzaubern die Menschen seit Jahrhunderten, keine künstliche Lichtquelle konnte bisher oder kann jemals das Licht und die Stimmung nachbilden, die von echtem Kerzenschein ausgehen. Menschen mit einem Gespür für illuminierende Sinnlichkeit und Schönheit gibt es sogar in den letzten Jahren wieder immer mehr. Die Zukunft der Kerze aus Rotthalmünster kann also getrost als „leuchtend“ bezeichnet werden.

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