Menschengewirr macht mich rasend

Kategorie: Sport - Wellness - Gesundheit | Autor: susi | 09. Juni um 09:18 Uhr

Lange Haare, ein Körper wie aus Stahl, immer auf der Suche nach dem Extremen – die „Huber Buam“ sind richtig harte Jungs. Es gibt keinen Berg, der den Profikletterern zu hoch ist, keinen Fels, der zu glatt, zu steil ist, kein Ziel, dass sie nicht erreichen können. Aber doch sind sie immer auf der Suche nach dem einen Moment – dem Vakuum der Zeit, diesem Augenblick, an dem die Erde still zu stehen scheint vor lauter Glück. PAparazzi hat mit Thomas Huber über sein Leben als Kletterer gesprochen.

paparazzi: Sie haben einmal gesagt „Meine Familie lebt davon, dass ich aufs Schlachtfeld gehe und den Herkules spiele“. Was meinen Sie damit?

Thomas Huber: Das ist ein ironisches Zitat, eine plakative Darstellung. Früher sind die Männer auf die Jagd gegangen und haben ihrer Familie etwas zum essen mitgebracht. Und ich lebe eben vom Bergsteigen. Das ist meine Passion, meine grosse Leidenschaft. Für mich ist das der schönste Beruf der Welt.

paparazzi: Bergsteigen hört sich so unspektakulär an. In Wahrheit machen sie Erstbesteigungen, erklimmen die schwierigsten Gipfel der Welt. Sie haben die drei Zinnen an einem einzigen Tag bezwungen. Sie sind ständig auf der Suche nach dem Extremen. Fordert das der Job oder machen Sie das freiwillig?

Thomas Huber: Der Job verlangt von mir gar nichts. Alles was ich tue, mache ich freiwillig, weil ich es einfach machen will. Das sehr hohe Niveau mag für den Laien extrem sein. Für mich aber ist es abschätzbar. Ich weiß zu jedem Zeitpunkt, was ich tue, wann es gefährlich werden könnte. So lange ich sensibel bin und die Gefahr erkenne, bin ich sicher.

paparazzi: Warum bezwingen Sie ausgerechnet die schwierigsten Routen der Welt?

Thomas Huber: Weil ich, wenn ich auf dem Gipfel angekommen bin, das Vakuum der Zeit spüren kann. Auf der Welt ist ja ständig alles in Bewegung, alles verändert sich, nichts bleibt auf ewig gleich. Die einzige Konstante ist die Zeit, sie schreitet unaufhaltsam dahin. Und oben auf dem Gipfel, wenn ich alles um mich vergesse, alles so bedeutungslos wird und ich nur noch glücklich bin, dann bleibt die Zeit für mich stehen – ein Vakuum der Zeit. Diese einzigartigen Momente kennt jeder von uns. Ich erlebe diese glücklichen Augenblicke in den Bergen und bei meiner Familie.

paparazzi: Stichwort Familie – wie kommen Ihre Frau und Ihre drei Kinder mit Ihrem Beruf zurecht?

Thomas Huber: Es gibt natürlich immer Diskussionen, wenn ich wieder zu Exkursionen aufbreche. Sie vertrauen mir aber in dem, was ich tue, verstehen die Ziele, die ich mir setze. Es geht nicht um die Gefahren, sondern viel mehr um die Zeit, die ich für meinen Beruf opfere. Auch ich möchte viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.

paparazzi: Die Zeit mit Ihrer Familie ist in der Tat sehr knapp. Wenn Sie nicht beim Klettern sind, halten Sie oft Vorträge. Dennoch wirken Sie stets ruhig und entspannt. Haben Sie nie Stress?

Thomas Huber: Oh doch, ich bin manchmal sogar sehr gestresst. Interviews und Vorträge können mich rasend machen. Dieses Menschengewirr ist der Wahnsinn. Aber es gehört eben dazu. Und in den Bergen habe ich dann wieder meinen Ruhepol. Vor Vorträgen will ich allerdings meine Ruhe, ich gehe spazieren, ziehe mich zurück. Wenn ich dann auf der Bühne stehe, gehöre ich 2,5 Stunden meinen Zuhörern.

paparazzi: Sie halten also nur ungern Vorträge.

Thomas Huber: Nein, ich mache das sogar gerne. Ich will den Menschen ja etwas mit auf den Weg geben. Ich will durch meine Vorträge Tipps geben, wie man besser leben kann. Ein Geheimrezept habe ich natürlich nicht, doch vom Bergsteigen kann man sehr viel in den Alltag mitnehmen.

paparazzi: Verstehen Sie das Bergsteigen als Metapher für das Leben?

Thomas Huber: Genau. Ich stehe vor dem Berg und will auf den Gipfel. Auf dem Weg dorthin muss ich allerdings Niederlagen einstecken. Stürze, Verletzungen – nicht immer gelange ich beim ersten Versuch ans Ziel. Doch wenn ich dann oben bin, erlebe ich wieder diesen einzigartigen Moment. Das ist doch im Leben das Selbe. Immer wieder steht jeder von uns vor Herausforderungen. Oft scheint es unmöglich, diese zu bewältigen. Da braucht es jede Menge Mut. Die Niederlagen muss man akzeptieren. Und dann am Ziel: Das Vakuum der Zeit. Es ist geschafft. Alles andere ist in diesem Moment unwichtig, alle Niederlagen vergessen. Ein wahnsinniges Glücksgefühl.

paparazzi: Sie arbeiten viel mit Behinderten. Unter anderem unterstützen Sie Aktionen, bei denen Gehbehinderte oder gar Rollstuhlfahrer klettern. Warum liegen Ihnen die kranken Menschen am Herzen?

Thomas Huber: Ich und mein Bruder versuchen immer das Unmögliche möglich zu machen. Das ist unsere Philosophie, die wir auch an andere Menschen weitergeben wollen. Für Rollstuhlfahrer oder geistig behinderte Menschen scheint es unmöglich, die Kletterwand hochzukommen. Doch sie schaffen es, sie gehen diese Wand hoch. Die zittern am ganzen Körper vor Anstrengung, geben alles, stecken Niederlagen ein und erreichen das Ziel am Ende doch. Wenn sie sich dann abseilen lassen und wieder unten ankommen strahlen sie übers ganze Gesicht. Von diesen Augenblicken können sie sehr lange zehren. Das ist auch für mich ein super Gefühl.

paparazzi: Verfolgen Sie auch mit der Milchschnitte- Werbung ein solches Ziel? Wollen Sie die Menschen zum Klettern animieren?

Thomas Huber: Hinter der Werbung steckt eigentlich kein tieferer Sinn. Ferrero hat bei uns angefragt, ob wir Lust hätten, da mit zu machen. Mit den Klitschko-Brüdern hatten wir natürlich gute Vorgänger, weil die beiden auch sehr aktive Sportler sind. Wichtig war mir, dass die Werbung authentisch und lustig ist. Das ist gelungen. Denn wenn ich den Schlüssel vergesse, sieht das wirklich so aus wie in dem Spot. Ich klettere einfach die Wand hoch – in der Hoffnung ein offenes Fenster zu finden. Ausserdem esse ich gerne Milchschnitte. Gerade in der Vortragsphase schiebe ich mir gerne mal eine Schnitte oder einen Kinderriegel in den Mund. Da steh ich drauf.

paparazzi: Kritiker sagen, Sie seien durch diese Werbung ein schlechtes Vorbild. Haben Sie kein schlechtes Gefühl, in Zeiten, in denen 50 Prozent aller Deutschen übergewichtig sind, für Naschereien zu werben?

Thomas Huber: Nein, keineswegs. Ich bin kein schlechtes Vorbild. Milchschnitte macht nicht dick. Dick wird man nur vom Nichtstun. Wenn jeder über den Balkon klettern würde, um seine Süßigkeiten zu bekommen, wäre keiner übergewichtig.

paparazzi: Sie haben im Leben Einiges geschafft. Hat ein Profisportler wie Sie noch Wünsche?

Thomas Huber: Ja, einen grossen Wunsch habe ich: Meine drei Kinder sollen gesund alt werden. Natürlich möchte ich auch selbst ein gesunder, alter Bergsteiger werden. Aber ich könnte es nicht ertragen, wenn ich meine Kinder nicht mehr hätte. Mein größter Wunsch ist, sie nicht überleben zu müssen.

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